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Julien Wanders

Er lebt für den Weltrekord

Der Schweizer 10000-Meter-Läufer Julien Wanders hat zwei Ziele: Die Olympischen Spiele in Tokio und ein Weltrekord im Marathon. In Kenia, wo er seit 7 Jahren lebt, bereitet er sich darauf vor. Ein Besuch.

Text Elisabeth Real
Fotos Elisabeth Real
Was sehe ich da??

Ob im Training oder im Wettkampf: Die Uhr ist der ständige Begleiter des Schweizer Spitzenläufers Julien Wanders.

Eldoret, Kenia, 3. April 2021. An diesem Samstagmorgen hat Julien Wanders Mühe auf der Bahn. Laut Trainingsplan sollte er 2000 Meter in 2:55 Minuten pro Kilometer rennen, steigt aber nach 1600 Metern aus. Es ist früh und still und neblig; in der Nacht zuvor regnete es. Der Tartan ist rutschig. Wanders wechselt die Schuhe, macht eine kleine Pause und steigt wieder ein. Die Sonne, die nun langsam aufgeht, beleuchtet die Atemwolken, die er und seine Trainingskollegen im Rhythmus ihrer Schritte ausstossen. Wanders fügt sich mit seiner Grösse und seinem Körperbau perfekt in die Gruppe von Kenianern ein. Obwohl er sich sehr anstrengt, sind seine Bewegungen flüssig und entspannt, seine Beine — weiss, muskulös, seidenglatt — spektakulär. Am Schluss holt er die fehlenden 400 Meter alleine nach und dreht noch ein paar Extrarunden. Beim Umziehen danach sagt er, dass er sich schwach fühlt und ausser Atem ist. Die Woche darauf fehlt er im Training. Diagnose: Lungenentzündung.

Ein kleines Monster

Julien Wanders feilt im kenianischen Iten mit einer Gruppe afrikanischer Läufer an seiner Form. Sein nächstes grosses Ziel sind die olympischen Spiele in Tokio. 

Julien Wanders feilt im kenianischen Iten mit einer Gruppe afrikanischer Läufer an seiner Form. Sein nächstes grosses Ziel sind die olympischen Spiele in Tokio. 

Der 25-jährige Julien Wanders wurde in Genf in eine Musikerfamilie geboren. In der Primarschule übersprang der blitzgescheite Junge eine Klasse und fing mit sieben mit der Leichtathletik an. Als Teenager gab er alle anderen Hobbies auf und konzentrierte sich nur noch auf den Sport. Oft schwänzte er die Schule und ging stattdessen laufen. Gleichzeitig verschlang er alles, was ihm über die in Wettkämpfen dominierenden Kenianer in die Hände kam. Langsam wuchs in ihm der Wunsch, mit ihnen zu trainieren, genau so schnell wie sie zu werden — oder sie sogar zu schlagen. «Ich war der erste in unserem Verein, der international erfolgreich sein wollte. Die anderen zielten auf Schweizer Rekorde. Zwischen 16 und 18 wurde ich immer schneller und realisierte, dass mein Traum Wirklichkeit werden könnte.»

Das Training in der staubigen Landschaft hinterlässt seine Spuren.  Die Laufschuhe des Genfers nach einer Trainingssession. 

Das Training in der staubigen Landschaft hinterlässt seine Spuren.  Die Laufschuhe des Genfers nach einer Trainingssession. 

Kurz nach der Matur, mit achtzehn, besuchte Julien zum ersten Mal das Laufmekka Iten in der westkenianischen Rift Valley Province. Er fühlte sich in der verschlafenen Kleinstadt, umgeben von Wäldern und Hügeln, bevölkert von Horden von Athleten, sofort zu Hause: «In Iten konnte ich mich endlich voll und ganz aufs Training konzentrieren und musste mich niemandem mehr erklären.» Drei Jahre später liess er sich endgültig in Kenia nieder und teilt heute mit seiner Freundin, der Englischlehrerin Joan Jepkorir Kiprop, die von allen «Kolly» genannt wird, eine kleine Wohnung. Zwischen den beiden herrscht eine Komplizenschaft; sie unterstützt den introvertierten Wanders emotional, wo sie nur kann. In ihrer Freizeit läuft auch sie, manchmal zusammen mit ihm und seiner Gruppe.

Nach Wanders' Umzug nach Kenia stellten sich Erfolge ein: Zwei Europarekorde, über 10 Kilometer (27:13) und im Halbmarathon (59:13), sind unter Dach und Fach, und schon vor zwei Jahren hat er sich in 27:17, 29 Minuten für die 10'000 Meterlauf an den Olympischen Spielen in Tokio qualifiziert.

Ausgepowert: Wanders, der den Europarekord über 10000 Meter und die Halbmarathon-Distanz hält, ringt beim einer kurzen Verschnaufpause nach Luft.  Das Läufermekka Iten liegt auf 2400 Meter über Meer. 

Ausgepowert: Wanders, der den Europarekord über 10000 Meter und die Halbmarathon-Distanz hält, ringt beim einer kurzen Verschnaufpause nach Luft.  Das Läufermekka Iten liegt auf 2400 Meter über Meer. 

Seinen Alltag in Kenia lebt Wanders mittlerweile sehr selbstverständlich: Er trainiert zweimal am Tag, stemmt im Fitnessstudio das Doppelte seines Körpergewichts (110 kg) und hört dabei Old School Hip Hop. Spricht er Englisch, hört er sich an wie ein Kenianer. Nach harten Workouts lädt er seine Kollegen zum Frühstück ein. Sie nennen ihn liebevoll «chemosi» — ein lokaler Ausdruck, der «kleines Monster» bedeutet. Er macht täglich zwei Siestas und geht jeden Abend sofort nach dem Essen ins Bett, um neun Stunden zu schlafen. Er ist oft schweigsam und angespannt vor Trainingseinheiten — und gelöst danach.

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«Wenn ich innerlich ruhig bin, renne ich schnell»

Juliens Idol, der Kenianer Eliud Kipchoge, ist nicht nur Weltrekordhalter im Marathon, sondern auch ein Mann, der gerne übers Laufen philosophiert. Vor seinem Sub-2-Marathon in Wien, bei dem Wanders einer seiner Tempomacher war, sagte er: «Entweder du beherrschst deinen Geist, oder wirst von deinem Geist beherrscht.» Oder: «Laufen ist 50 Prozent körperliche und 50 Prozent mentale Arbeit.» «Das stimmt 100 Prozent», sagt Wanders. «Wenn ich innerlich ruhig bin, renne ich schnell. Nur leider ist das nicht immer so einfach: Manchmal habe ich Stress, Probleme mit anderen oder in Beziehungen, obwohl ich es gar nicht will.» Als Mensch kann man sich entscheiden, das Leben eher positiv oder eher negativ zu betrachten, und Wanders arbeitet deswegen viel an seiner Perspektive. Er meditiert täglich eine halbe Stunde, meistens vor dem Mittagessen. Immer öfter postet er inspirierende Texte zu Achtsamkeit auf Instagram und gibt seinen Followern Tipps für mentale Stärke. Und wie andere Elite-Athleten setzt er sich Ziele. Katie Ledecky beispielsweise, die momentan schnellste Schwimmerin der Welt, nimmt sich Zeiten vor, die ihr Angst machen, die zu erreichen ihr unmöglich erscheinen. Dann nähert sie sich ihnen Poolbahn um Poolbahn an. Wanders bestätigt: «Ziele zu haben ist alles im Sport, sowohl grosse — die Olympischen Spiele oder einen Weltrekord im Marathon — wie auch kleine: Wettkämpfe, an denen ich antrete, um meine Form zu testen.» Es ist ihm wichtig, während des mörderischen Höhentrainings genau zu wissen, wofür er sich verausgabt.

Trainingsende: Die Laufgruppe mit Wanders erholt sich an einer Tankstelle von einen längeren Trainingseinheit. 

Trainingsende: Die Laufgruppe mit Wanders erholt sich an einer Tankstelle von einen längeren Trainingseinheit. 

Um an einem Wettkampf das bestmögliche Resultat zu erlaufen, müssen viele Faktoren stimmen. Kipchoge soll sogar die Technik, während eines Marathons seine Trinkflasche vom Tisch zu greifen, perfektioniert haben. Doch der Körper ist unberechenbar, das ist zu akzeptieren; Kälte, Wind oder eine Grippe im Vorfeld können einem einen Strich durch die Rechnung machen. Viele Läufer berichten jedoch, dass nicht die physische Form das Problem sei, sondern der innere Druck, den sie sich vor dem Rennen aufbauen, und am dem viele — wie auch Wanders ab und zu — im entscheidenden Moment scheitern. Idealerweise sollte man deshalb seine Gedanken nicht allzu ernst nehmen: «Gedanken sind bloss Gedanken. Sie kommen und gehen ... man darf ihnen nicht zu viel Bedeutung zumessen», sagt Wanders. «Wenn ich während dem Laufen das Gefühl bekomme, dass ich mich kaum mehr bewegen kann, versuche ich, in einen Zen-Zustand zu geraten und dem Schmerz entgegenzulächeln.»

Als Kind haben Wanders' Eltern ihm und seinen zwei Schwestern auf den Weg gegeben, dass man keine halben Sachen macht und nicht einfach den Bettel hinschmeisst, sobald der Weg steinig wird. Wanders hat sich dieses Gebot zu Herzen genommen: Seit er sich fürs Laufen entschieden hat, gibt es in seinem Leben neben der Leichtathletik wenig Platz für anderes. Trainieren, essen, schlafen: Das macht ihn am glücklichsten.

Training, Training und nochmals Training: Das Laufen prägt den Alltag des Schweizers im kenianischen Hochland. Er trainiert zweimal am Tag, dazwischen stemmt er im Fitnessstudio das Doppelte seines Körpergewichts (110 kg). Pro Woche läuft er rund 220 Kilometer. 

Training, Training und nochmals Training: Das Laufen prägt den Alltag des Schweizers im kenianischen Hochland. Er trainiert zweimal am Tag, dazwischen stemmt er im Fitnessstudio das Doppelte seines Körpergewichts (110 kg). Pro Woche läuft er rund 220 Kilometer. 

Ein zu enger Fokus hingegen kann für Athleten gefährlich werden. Wenn alles, was vom Training abhält, als Hindernis angesehen wird, fühlt man sich mehr und mehr wie eine Gefangene des Sports. Viele Athleten leiden an Depressionen; die Tennisspielerin Naomi Osaka und der Schwimmer Michael Phelps haben ihre unlängst publik gemacht. Wanders erzählt ehrlich, dass er unter seiner Leidenschaft manchmal leidet. «Ich liebe das Laufen so sehr: Es ist Fluch und Segen gleichzeitig. Früher war ich dazu noch unglaublich ungeduldig. Könnte ich dem jungen Julien heute einen Rat geben, wäre es dieser: Nimm es bitte locker, sei nicht so hastig. Du hast doch genug Zeit!» Mitunter fällt es ihm schwer, mit Enttäuschungen umzugehen. «Früher habe ich nach einem schlechten Resultat jeweils eine Woche lang mit niemandem geredet, weil ich so frustriert war. Jetzt fühle ich mich zwar nicht besser danach, aber ich gebe mir mehr Mühe: Die anderen können schliesslich nichts dafür.»

Er läuft 220km pro Woche

Wanders wird seit letztem Jahr vom Italiener Renato Canova gecoacht, der in Athletenkreisen berühmt-berüchtigt ist: Seine Trainingspläne sind streng und verlangen absolute Konzentration und Hingabe. Es ist schwierig für Julien, sich Schwächen einzugestehen und zurückzustecken, doch dank Canovas Autorität lernt er, auf seinen Körper zu hören, besser zu regenerieren, und trotz gelegentlichen Dämpfern nicht in Selbstzweifeln zu versinken. Wanders läuft bis zu 220 km pro Woche. «Meine Beine fühlen sich immer schwer an», sagt Wanders, nicht klagend, sondern zufrieden. «Deshalb ist es OK, auch mal ein paar Tage Pause zu machen.»

Wanders lebt zusammen mit seiner Partnerin Joan Jepkorir Kiprop bescheiden in einer kleinen Wohnung. Diese dient ihm zugleich auch als Fitnessstudio. 

Wanders lebt zusammen mit seiner Partnerin Joan Jepkorir Kiprop bescheiden in einer kleinen Wohnung. Diese dient ihm zugleich auch als Fitnessstudio. 

Eine solche Aussage wäre dem jungen Julien nicht mal im Traum über die Lippen gekommen. Heutzutage schafft er es ohne schlechtes Gewissen, drei Tage mit seiner Mutter auf Safari zu verbringen oder sich mit Kolly für ein verlängertes Wochenende in einem Luxushotel zu verschanzen. Und dank dieser Gelassenheit werden auch seine Beine schneller wieder leichter und können nach den Olympischen Spielen in Tokio Kurs nehmen auf ein weiteres grosses Ziel: Seinen ersten Marathon.

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