Navigation

Migros - Ein M besser

Nachhaltig sein:

Wir reden nicht nur drüber, wir machen es. Mehr erfahren!

LGBTQ-Pfarrerin Priscilla Schwendimann

«Gott liebt alle Menschen – auch die queeren»

Priscilla Schwendimann ist 28, lebt mit einer Frau zusammen – und arbeitet als reformierte Pfarrerin in Zürich. Ab August liegt ihr Fokus dabei ganz auf den religiösen Bedürfnissen von Lesben, Schwulen, trans und queeren Menschen. Ausserdem engagiert sie sich aktiv für die Ehe für alle. 

Text Ralf Kaminski
Fotos Mali Lazell
priscilla-schwendimann2

Fühlt sich in den sozialen Medien ebenso wohl wie beim Gottesdienst in der St. Peter Kirche in Zürich: Pfarrerin Priscilla Schwendimann.

Priscilla Schwendimann, hätten Sie vor zehn Jahren auch schon eine Stelle als Pfarrerin bei der reformierten Kirche Zürich bekommen?
Absolut. Es gibt erstaunlich viele queere Pfarrpersonen bei den Reformierten. Ich kenne eine Pfarrerin, die schon vor 30 Jahren mit ihrer Partnerin in einem Dorf ins Pfarrhaus gezogen ist, das war überhaupt kein Thema.

Die reformierte Kirche ist schon so lange entspannt gegenüber Lesben und Schwulen?
Sicherlich nicht überall gleich. Aber mir persönlich ist Homophobie bisher nicht begegnet. Und bereits 1998 gab es die ersten Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare.

Das steht in scharfem Kontrast zum Ringen der katholischen Kirche mit dem Thema.
Sehr. Als unser Antrag für das neue LGBTQ-Pfarramt diskutiert wurde, kamen intern auch ganz viele Reaktionen, was das überhaupt solle, das Thema sei doch längst gegessen.

Kommen die Gläubigen in Ihrem Gottesdienst damit ebenso entspannt klar? Wissen die das überhaupt?
Ja, meine Frau kommt meist mit in den Gottesdienst – tut sie es mal nicht, wird erstaunt nachgefragt. (lacht) Aber das Publikum hat sich auch gewandelt, ist jünger und queerer geworden. Was sicherlich auch mit meiner Medienpräsenz in letzter Zeit zu tun hat.

priscilla-schwendimann3

Die Regenbogen-Pfarrerin 

Priscilla Schwendimann (28) ist Theologin, stellvertretende Pfarrerin in der reformierten St. Peter Kirche in Zürich und übernimmt ab August eine Pfarrstelle, die auf die Bedürfnisse von LGBTQ-Menschen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans und queere Menschen) fokussiert. Daneben arbeitet sie als Seelsorgerin bei der Stiftung St. Jakob für beeinträchtige Menschen. Ausserdem ist sie auf Instagram aktiv und betreibt den Youtube-Kanal «Holy Shit». Schwendimann ist im Ausland aufgewachsen und lebt in eingetragener Partnerschaft mit einer Juristin in Zürich.

Es gibt gar keine negativen Reaktionen?
Ein paar böse Briefe und Mails habe ich schon auch bekommen. Aber nicht viele.

Was steht in denen denn so?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben auch einfach nur Fragen – meist Menschen, die noch sehr in den klassischen Rollenbildern denken. Andere zitieren die Bibel und schreiben, dass ich in die Hölle komme. Aber ehrlich gesagt stören mich diese Leute weniger als die, die sich damit schwertun, dass ich jung und eine Frau bin. Und das kommt viel häufiger vor. Ab und zu nehme ich gar einen «jöh»-Effekt wahr – das ärgert mich dann richtig. Ich will etwas bewegen und ernst genommen werden. 

Warum tun sich fast alle Religionsgemeinschaften so schwer mit Lesben und Schwulen?
Religionen sind stark geprägt von der Gesellschaft und der Kultur ihrer Entstehungszeit. Die Frage ist: Was machen wir heute damit? Nehmen wir die Texte von damals wortwörtlich ernst oder adaptieren wir sie? Welche Aussagen gelten ultimativ, welche müssen im Kontext ihrer Zeit gelesen und können heute anders bewertet werden? Dass weite Teile der reformierten Kirche der Homosexualität offener gegenüber stehen als andere, hängt damit zusammen, dass die Bibel zwar als Gottes Wort akzeptiert wird, aber gleichzeitig die Überzeugung vorherrscht, dass Gott sich auch in der aktuellen Kultur offenbart. Die gesellschaftliche Aufklärung, die diese Haltung ermöglicht, hat in anderen religiösen Gemeinschaften nicht stattgefunden oder wird aktiv bekämpft. 

Die christlichen Gegner der Homosexualität berufen sich immer auf zwei, drei Bibelstellen – die sollte man also aus Ihrer Sicht heute anders interpretieren?
Ja. Die Personen, die das damals schrieben, hatten keine Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft. Es geht zwar um einen sexuellen Akt zwischen zwei Männern, aber primär im Zusammenhang mit Macht und Unterwerfung. Der Penetrierte ist der Unterwürfige, der Schwache, das ist das eigentliche Thema. Zudem gibt es Bibelstellen, wo die Liebe zwischen zwei Männern positiv beschrieben wird. An einer Stelle sagt David zu Jonathan sogar: «Ich habe dich mehr geliebt, als ich je eine Frau geliebt habe.» 

Spielt Fortpflanzung ebenfalls eine Rolle? Das kriegen zwei Männer und zwei Frauen ja nur auf Umwegen hin.
Bei manchen Freikirchen spielt das sicher rein. Und früher, als es noch viel weniger Menschen gab, war Fortpflanzung auch wichtig. Umso mehr als viele Kinder lange die einzige Zukunftsversicherung waren, um das Alter einigermassen zu überstehen. Aber heute ist die Lage anders, und angesichts der enormen globalen Überbevölkerung darf man Fortpflanzung sogar in Frage stellen.

A propos Freikirche: Sie sind selbst in einer aufgewachsen. Wie schwierig war es, sich aus dieser Welt zu lösen?
Ich bin im Ausland in einer Freikirche aufgewachsen und kam erst mit 18 Jahren in die Schweiz. Und ich muss gestehen, dass ich diese Gemeinschaft noch immer vermisse, sie war mein Zuhause. Ein solches Gefühl von Zugehörigkeit und Familie hatte ich seit meinem Austritt nie wieder. Es herrscht eine enorme Hingabe und Einsatzbereitschaft – wir haben unser letztes Hemd gegeben, um Leuten zu helfen. Bei uns haben auch die seltsamen, ungewöhnlichen Menschen selbstverständlich dazu gehört. Unter dem Motto: Egal wie du bist, Gott liebt dich trotzdem.

Ausser du bist queer…
…ja, das musste ich dann später feststellen. Aber auch wenn ich die Theologie der Freikirchen heute schwierig und eng finde, vermisse ich dennoch die lockere, intensive Art der Gottesdienste. Im Grunde ist das bis heute meine Art, wie ich mich mit Gott verbinde. Sehr direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. 

Es fiel Ihnen also schwer, sich zu lösen.
Ja, man kann sich von freikirchlichen Gemeinschaften sehr getragen fühlen. Aber wenn sie mit einem Thema konfrontiert werden, das sie überfordert, läuft man Gefahr, mega tief zu fallen. Ich bekam nach meinem Coming-out zwar auch positive Reaktionen von einigen – die meisten waren jedoch völlig überfordert und konnten überhaupt nicht damit umgehen. Es war also ein harter Bruch. Ich bin heute dennoch froh, nicht mehr dort zu sein, weil ich inhaltlich zu sehr vielem nicht mehr stehen kann. Aber wären mir nicht meine Gefühle für eine Frau in die Quere gekommen, wäre ich wohl noch immer dort. Das ist vermutlich Gottes Ironie.

Gottes Ironie?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass Gott eine Menge Humor hat. Als ich mit 18 in die Schweiz kam, war ich mir sicher: Ich habe die Welt verstanden, und ich werde jetzt alle missionieren. Das war mein Plan. Und ich stelle mir Gott vor, der das schmunzelnd beobachtet und sich denkt: Soso, na schauen wir mal. Dann lernte ich im Theologiestudium, wo übrigens mehr als die Hälfte der Studierenden queer war, meine heutige Partnerin kennen und verliebte mich zum ersten Mal. Heute bin ich deutlich demütiger unterwegs. Und sehe Gott viel entspannter. Auch wenn wir dauernd Fehler machen und auf die Nase fallen, wendet er sich uns geduldig immer wieder zu. Sein Wohlwollen hängt nicht davon ab, wie gut wir uns an Regeln halten.

Haben Sie noch Kontakte in die alte Freikirchenwelt?
Teilweise. Es gibt da und dort sogar wieder Annäherungen. Auch in einigen Freikirchen findet ein Umdenken statt. Dieses zarte Pflänzchen muss man aber hegen und pflegen – und nicht mit dem Traktor drüberfahren.

Gab es je eine Phase, in der Ihre eigene Religiosität auf der Kippe stand?
Zweifel gab und gibt es. Aber nicht daran, dass Gott existiert – höchstens, ob ich mit ihm Kontakt haben will. Ich glaube seit ich denken kann. Erklären kann ich das nicht, aber ich empfinde es als Geschenk. Mein atheistischer Onkel sagte mir mal: «Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube, du brauchst das.» (lacht) Und vielleicht ist es wirklich so. Auf jeden Fall macht es mich zu einem besseren Menschen: Es hilft mir, mich selbst nicht immer so ernst zu nehmen.

LGBT+Helpline

Das Migros-Kulturprozent unterstützt die Weiterentwicklung der LGBT+Helpline von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer der Schweiz.

Die Helpline existiert seit 2016 und ist einerseits eine Beratungsstelle für queere Menschen, andererseits können dort auch Vorfälle von Diskriminierung und Gewalt gemeldet werden. Homo- und transphobe Gewalt werden in der Schweiz nicht systematisch erfasst, die Meldungen bei der Helpline sollen eine klarere Datenlage schaffen und so dazu beitragen, Diskriminierung und Gewalt gezielter zu bekämpfen.

Die Helpline kann online oder telefonisch erreicht werden und richtet sich an alle LGBTQ-Menschen, die Unterstützung suchen.

Weitere Infos: lgbt-helpline.ch, 0800 133 133 (Mo-Do, 19-21 Uhr)

Im August übernehmen Sie ein neues Pfarramt, das auf die LGBTQ-Gemeinschaft fokussiert. Was genau machen Sie denn da? 
Im ersten halben Jahr geht es um Konzeptionsarbeit. Es ist ja eine sehr vielfältige Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Was sie mutmasslich eint: Sie wollen sich willkommen fühlen und einfach Teil der Gemeinschaft sein.

Gibt es Reaktionen von aussen, was LGBTQ-Gläubige gerne hätten?
Ich wurde zum Beispiel schon gefragt, ob man die Bibel queer lesen kann. Eine super-spannende Frage, die ich gerne vertiefen würde. Vor allem aber kommen seelsorgerische Anfragen von Leuten, die jemanden zum Reden brauchen, der ihre Anliegen theologisch fundiert beantworten kann. Ich denke, das wird eine zentrale Aufgabe der neuen Stelle sein. Wichtig ist auch noch zu erwähnen, dass das keine One-Woman-Show wird – ich werde von einem Team unterstützt, das die Inhalte der Stelle mit mir gemeinsam entwickelt. 

Wie haben Sie die Kirchenleitung überzeugt?
Wir haben klar gemacht, dass die Kirche in dem Bereich bisher ziemlich versagt hat: 1800 Jahre lang haben wir zugeschaut, wie diese Menschen umgebracht wurden, seit 200 Jahren ist es uns bewusst, seit 30 Jahren segnen wir sie ab und zu ein bisschen, und jetzt sind wir neu noch für die «Ehe für alle» und deswegen ganz stolz auf uns. Obwohl das echt nicht sonderlich mutig ist, nun da laut Umfragen auch eine Mehrheit der Bevölkerung das unterstützt. Und ich finde tatsächlich, die Kirche muss Schuld bekennen – sie ist mitverantwortlich für das Leid, das viele LGBTQ-Menschen über sehr lange Zeit erfahren haben und immer noch erfahren. Es braucht eine Bitte um Vergebung. Die reformierte Landeskirche der Schweiz hat das immerhin schon 1999 getan

Gibt’s denn überhaupt so viele Gläubige in dieser Community? Oder erhofft sich die Kirche gar Zuwachs durch dieses Bekenntnis zu LGBTQ?
Für mich ist das echt nicht das Motiv. Ich hätte früher als queere Gläubige gerne eine solche Ansprechpartnerin gehabt und sehe es als Berufung, dies jetzt für andere in der gleichen Situation sein zu können. Dass dies auch für die Kirche von Vorteil sein könnte, ist ein durchaus willkommener Nebeneffekt. Wie viele Leute das letztlich anspricht, wird man sehen müssen. Aber dass es dafür eine Nachfrage gibt, zeigt nur schon der bisherige Zuwachs bei St. Peter. 

priscilla-schwendimann1

Schwendimann will keine separate queere Kirche, sondern dass die existierende Kirche so offen ist, dass sich dort alle zu Hause fühlen.

Warum sollte man sich als Lesbe oder Schwuler überhaupt auf eine Religion einlassen, die einen jahrhundertelang als Sünder gebrandmarkt und zur Hölle gewünscht hat?
Es geht mir echt nicht darum, irgendwen zu überzeugen. Ich will einfach jenen helfen, die eine Gemeinschaft von Gläubigen suchen, unter denen auch LGBTQ-Menschen willkommen sind. 

Die Finanzierung der Stelle läuft vorerst bis 2024. Nach welchen Kriterien entscheidet sich, ob das Amt permanent wird oder nicht?
Das ist noch offen. Aber mir ist wichtig, dass wir 2023 offen und ehrlich beurteilen, ob es das wirklich braucht oder nicht. Ich möchte auf keinen Fall eine separate queere Kirche, sondern dass die existierende Kirche so offen ist, dass sich dort alle Menschen zu Hause fühlen. Längerfristig sollte das Amt idealerweise also wieder verschwinden.

Corona hat auch dieses Jahr die Pläne der Zurich Pride aus der Bahn geworfen, der Umzug durch die Innenstadt soll nun statt diese Woche am 4. September stattfinden. Marschieren Sie mit? 
Seit Jahren. 2019 mit dem Logo der reformierten Kirche – das habe ich einfach selbst schnell gebastelt, weil ich für einen offiziellen Antrag bei den Kirchengremien viel zu spät dran war. (lacht) Normalerweise laufe ich bei der Organisation Zwischenraum mit – eine Gruppe von ehemaligen und aktiven Freikirchenmitgliedern, die queere Gläubigen aus diesen Gemeinschafen unterstützen. Die haben mir damals nach dem Coming-out das Leben gerettet. Seit Jahren bin ich ausserdem am ökumenischen Pride-Gottesdienst beteiligt, der jeweils am Sonntag nach dem Pride-Umzug um 14 Uhr stattfindet.  

Brauchts denn diese Pride überhaupt noch? Haben Lesben und Schwule in der Schweiz nicht alles erreicht, was man erreichen kann – vorausgesetzt sie gewinnen die Abstimmung über die «Ehe für alle» am 26. September?
Die Pride brauchts auf jeden Fall noch. Da könnte man ja genauso fragen, ob es den Feminismus noch braucht! Solange es keine komplette Gleichstellung gibt, solange es nicht vollkommen selbstverständlich ist, dass ich mit einer Frau zusammenlebe, solange die Suizidrate unter LGBTQ-Jugendlichen fünfmal höher ist als unter heterosexuellen, braucht es eine Pride. Ausserdem steht Homosexualität in 70 Ländern der Welt noch immer unter Strafe, da gibt es also noch viel zu tun.

Dass das Referendumskomittee genügend Unterschriften gegen die «Ehe für alle» zusammengebracht hat, dürfte es den Freikirchen verdanken, oder?
Das vermute ich auch. Dass das Referendum zustande kam – anders als damals bei der Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare –, hat vermutlich mit dem Ehebegriff zu tun. Der hat einfach für viele Menschen noch immer eine sakrale Bedeutung. Auf der anderen Seite ist es auch gut, wenn das neue Gesetz am Ende auf diese Weise demokratisch abgestützt ist. Dann kann niemand mehr behaupten, das wäre am Volk vorbei entschieden worden. 

Gibt es Argumente der Gegnerschaft, für die Sie Verständnis aufbringen?
Je nach religiöser Weltanschauung kann ich die Ablehnung nachvollziehen, bin aber mit diesen theologischen Interpretationen nicht einverstanden. Und zudem der Ansicht, dass Theologie grundsätzlich nichts in unseren Gesetzbüchern verloren hat. Auf rechtlicher Ebene haben die Gegner schlicht keine Argumente, null. Am Ende geht es um einen juristischen Akt zur Gleichstellung von Paaren. Die Gegenargumente zielen fast alle aufs Kindswohl, was ein Nebenaspekt ist. Und sie ignorieren völlig, dass die existierenden mindestens 6000 Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren derzeit rechtlich weniger gut abgesichert sind als die anderen – das neue Gesetz wird deren Wohl definitiv verbessern. Letztlich wollen die Gegner allen anderen ihre Vorstellungen aufdrängen, und das stört mich. Denn das neue Gesetz nimmt niemandem etwas weg, es erweitert einfach die rechtlichen Möglichkeiten einer Minderheit.

Eine Umfrage im Auftrag von Pink Cross ergab letzten Herbst eine Zustimmung von 82% für die gleichgeschlechtliche Ehe – selbst bei SVP und CVP (heute Mitte) war eine Mehrheit dafür. Die Community kann sich im Grunde entspannt zurücklehnen, oder?
Oh nein! Es ist immer gefährlich, wenn man zu siegesgewiss ist. Wir müssen mit der Erwartung in den Abstimmungskampf gehen, dass wir verlieren. Umfragen sind oft genug falsch. Ich denke schon auch, dass das Gesetz am Ende durchkommt, aber wir werden dafür kämpfen müssen. Ich bin als Privatperson in diversen Komitees engagiert.

Und auch Gott ist mit der LGBTQ-Gemeinschaft?
Davon bin ich überzeugt! Gott liebt alle Menschen – auch die queeren.

Auf ihrem Youtube-Kanal «Holy Shit» und auf Instagram versuchen Sie zudem jüngere Leute anzusprechen, die sich den Kirchen eher entfremdet haben. Wie gehen Sie dabei vor?
Mit einer jugendlicheren Sprache, anderer Kleidung, die ich tatsächlich nur dort trage (lacht) – vor allem aber mit Authentizität und Ehrlichkeit. Ich verkaufe nichts, sondern ich bin. Mit allen Ecken und Kanten.

Und das kommt an?
Den Eindruck habe ich schon. Wir haben gute Zahlen und viele Kommentare – und eben auch Zuwachs von Jüngeren im Gottesdienst. Womit wir echt nicht gerechnet hätten. Letztlich machen wir auf «Holy Shit» das, von dem wir denken, dass es uns in dem Alter abgeholt hätte. Und die einzigen, die sowas sonst machen, sind Freikirchen, das kann doch verdammt nochmal nicht sein!

Sie nutzen also die Methoden der Freikirchen, um von dort ein paar Gläubige zu sich zu holen?
Schäfchen klauen quasi? Nein, das fände ich Scheisse. Klar kann es vorkommen – umgekehrt passiert es ja auch –, aber das ist nicht das Ziel. Ich versuche Leute anzusprechen, die sich bisher nirgends wiederfanden. Mit einer modernen Form von Kirche, die einen theologischen Inhalt hat, aber nicht stockkonservativ ist. 

Dennoch: Es scheinen immer weniger Leute sowas wie Kirche in ihrem Leben für notwendig zu empfinden. 
Und das ist durchaus auch okay. Aber manche Begründungen für Austritte erstaunen uns schon, etwa wenn Leute angeben, sie hätten sich über Aussagen des Papstes geärgert. (lacht) Oder auf die Frage nach dem Warum mit «weiss nicht» antworten. Zudem scheint es mir wichtig, zwischen der Kirche als Institution und den Glauben an Gott zu unterscheiden. Doch mir ist wichtig, auch die Institution zu erhalten, weil ich glaube, dass sie Potenzial hat. Aber dafür braucht es grosse Veränderungen. Vielleicht gibt es dann auch Gottesdienste, die gar nicht in der Kirche stattfinden – stattdessen trifft man sich, kocht gemeinsam was Gutes und diskutiert beim anschliessenden Essen über Glauben und Gott.

War Pfarrerin eigentlich Ihr Traumjob? Können Sie sich vorstellen, das für den Rest Ihres Lebens zu machen oder gibt’s noch andere Optionen?
Als Kind wollte ich alles mögliche werden: Bäuerin, Missionarin, Hebamme, Metzgerin, Juristin, Pilotin, Schauspielerin. Pfarrerin ist weniger ein Traumjob als eine Berufung, die ich aber auch regelmässig in Frage stelle. Den Rest meines Lebens werde ich das kaum machen, dafür bin ich zu spontan und habe zu viele Ideen. Aber was danach kommt? Keine Ahnung, mal sehen. 

Schon gelesen?