Navigation

Migros - Ein M besser

Nachhaltig sein:

Wir reden nicht nur drüber, wir machen es. Mehr erfahren!

Scherenschneiderin Regina Martin

Sie macht den perfekten Schnitt

Einst galten Scherenschnitte als Ölgemälde der armen Leute. Heute erfreuen sich die filigranen Kunstwerke durch alle Gesellschaftsschichten hindurch grosser Beliebtheit. Ein Scherenschnitt aus den Händen von Regina Martin kostet schon mal soviel wie ein Kleinwagen.

Text Flavian Cajacob
Fotos Severin Nowacki
Scherenschnitt-Künstlerin Regina Martin bei der Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Scherenschnitt-Künstlerin Regina Martin bei der Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Regina Martin hat einen Hochrisiko-Job. Nicht zu vergleichen mit demjenigen eines Bergretters, aber: Zwischen Gelingen und Absturz liegt bei beiden lediglich ein Schritt – oder, in ihrem Falle, eben ein Schnitt. Einmal die Schere fahrig angesetzt und die Arbeit unzähliger Stunden ist zunichte.

Also setzt die 52-Jährige die kleine Schere, die über einen ganz speziellen Schliff verfügt, einer Chirurgin nicht unähnlich, am Rand des einmal gefalteten Papiers an und macht einen kleinen Schnitt. Abertausende werden in den nächsten Wochen folgen. Bis zu drei Monate sitzt Regina Martin an einem einzelnen Werk. «Täglich mindestens sechs Stunden», betont sie, «manchmal, wenn ein wichtiger Auftrag termingerecht fertig sein muss, halt auch mehr.» Konzentration, Vorstellungsvermögen, Fantasie, Präzision und Disziplin sind die treuen Begleiterinnen der Saanenländerin.

Der Meister attestierte ihr Talent

Zum Scherenschnitt gekommen ist Regina Martin im Alter von zehn Jahren. «In unserer Stube hing damals ein Scherenschnitt des bekannten Künstlers Christian Schwizgebel. Der hatte es mir unglaublich angetan.» Als ihr der Meister nach einem Treffen in dessen Atelier beim Abschied Talent attestierte, war für sie klar: Da will ich dranbleiben, da will ich mich weiter­entwickeln, das ist meine Passion. Zwanzig Jahre gin­gen ins Land, bis aus der Passion Profession wurde. Heute kann die zweifache Mutter und ausgebildete Töpferin vom Scherenschneiden leben. «Ein Privileg, absolut», bemerkt sie, «zumal mir die Freude daran noch mit keinem Schnitt vergangen ist.»

Ihr Markenzeichen sind breite Blumen-Ornamente und Pferde. «Traditionelle Motive liegen mir, das heisst aber nicht, dass nicht auch moderne Elemente Einzug halten dürfen.» Sie zeigt auf eines ihrer Werke, auf dem ein Alpaufzug mit­samt Seitenwagen-Motor­rad und Jeep zu sehen ist. «Oder hier», sie zieht eine weitere Arbeit aus der Mappe: «Frauen mit Einkaufstaschen, eine Shoppingszenerie». Auch wenn die Kunst des Scherenschneidens uralt sei, so sei sie sicherlich nicht verstaubt. Regina Martin lacht und winkt ab: «Wir Scherenschneider­innen und Scherenschneider sind alt, bucklig, ver­schroben und hocken den ganzen Tag in unserem Kämmerchen und schnippeln Papier – ich kenne dieses Klischee nur allzu gut!»

Erfahrung zahlt sich aus: Seit sie zehn Jahre alt ist, stellt Regina Martin kunstvolle Scherenschnitte her.

Erfahrung zahlt sich aus: Seit sie zehn Jahre alt ist, stellt Regina Martin kunstvolle Scherenschnitte her.

Kundinnen und Kunden aus aller Welt

­Ihr «Kämmerchen» ist ein hübsches kleines Atelier im ersten Stock des dreihundert Jahre alten Bauernhauses in Schönried, das sie mit ihrem Ehe­mann Roland bewohnt. Er, von Beruf Schreiner, steuert nicht selten selbstgemachte Rah­men zu Reginas Wer­ken bei. Zwischen zwei Glasplatten gepresst, entfalten diese auf­grund des Schatten­wurfes ihre Wirkung optimal. Und die martin­schen Scherenschnitte kommen an. «Ich habe Kundinnen und Kunden aus aller Welt», verrät die Berner Oberländerin. «Viele von ihnen machen hier in der Region Ferien und entdecken dabei meine Werke. Wieder zuhause, möchten sie so ein Stück Erinne­rung und melden sich bei mir.» Ganz günstig ist das nicht immer. Bis zu 12 000 Franken muss hinblättern, wer so ein filigranes Original in Schwarz­-Weiss bei sich an die Wand hängen will. «Da sitze ich dann aber auch drei Monate dran», sagt Regina Martin und betont mit Nachdruck, dass es auch günstiger gehe. «Kleine Scherenschnitte gibt es bei mir bereits ab achtzig Franken.» Die Corona-Krise im Übrigen hat sich kaum negativ auf ihre Arbeit ausgewirkt. «Im Gegenteil, Scherenschnitte scheinen die Leute gerade in schwierigen Zeiten zu erfreuen.»

Schon Goethe war ein Scherenschneider

Der Scherenschnitt hat seinen Ursprung in Asien. Von dort breitet er sich im 17. Jahrhundert in Zentraleuropa aus. Zu den ersten Werken in der Schweiz gehören die von Nonnen hergestellten Andachtsbilder und heraldischen Scherenschnitte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kommen Silhouetten-Porträts in den Städten in Mode, als billigere Variante zu Öl-Miniaturen. Bei Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe geniessen diese grosse Popularität. Er soll gar selber zu Papier und Schere gegriffen haben. Später zeigen die Schnittbilder Szenen oder ganze Geschichten mit verschiedenen Formen und Gestalten. Zudem breiten sich Scherenschnitte fortan auch auf dem Land aus. Zu den bekanntesten Vertretern der ländlichen Papierschneider in der Schweiz gehören Johann Jakob Hauswirth und Louis Saugy aus dem Pays-d’Enhaut im Kanton Waadt.

Karten, Tassen, Kleiderhaken: Vom Boom traditionel­ler, bodenständiger Sujets profitiert natürlich auch der Scherenschnitt. Und seit der Sänger Marc Trauffer ein von Regina Martin entworfenes Tattoo im Scherenschnitt-­Muster gut sichtbar auf seinem Unterarm trägt, kann sich diese vor Aufträgen kaum mehr retten. «Ein beliebter Promi, der für deine Arbeit wirbt, das ist natürlich unbezahlbar», weiss die 52-Jährige. Die Warteliste ist lang, von der Bestellung bis zum Erhalt eines Sche­renschnitts aus dem Atelier von Regina Martin kann schon mal ein Jahr verstreichen.

Regina Martin zeichnet das Muster vor, bevor sie die Schere ansetzt.

Regina Martin zeichnet das Muster vor, bevor sie die Schere ansetzt.

Kleine Malheure passieren

Mit ruhigen Bewegungen und sicherem Auge schnei­det sich Regina Martin durch ihr Tagwerk. Klingelt das Telefon, klingelt es halt. Und auch der unten auf der Hauptstrasse durchdonnernde Laster lässt sie nicht zusammenzucken. Ihre Aufmerksamkeit ist voll und ganz auf das Stück Papier gerichtet, das zwischen ih­ren Fingern hin­ und hertanzt. Die Schere bleibt dabei an Ort und Stelle, das verlangt die Technik. Keine Angst, sich zu verschneiden? Regina Martin schmunzelt und schnippelt weiter. «Ein kleines Malheur passiert sicher auch einmal zwischendurch. Das lässt sich aber meist kaschieren.» Jetzt legt sie die Schere zur Seite und blickt von ihrem Kunstwerk auf. Einmal nur habe sie bisher ein fast fertiges Werk dem Altpapier anver­trauen müssen – nach zwei Monaten Arbeit und nicht einmal selbstverschuldet. «Meine Katze hatte an jenem besonderen Tag solch eine Freude am Stück Papier, das so lustig von der Tischkante herunterhing …» Zwei Sekunden später musste die Meisterin des perfekten Schnitts erkennen, dass dem Ausruf «Alles für die Katz!» ein wahrer Kern innewohnt.

Infos: www.scherenschnitt-atelier.ch

Für alle die selbst kreativ werden wollen

Schon gelesen?