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Interview mit Medbase-Chef

Gibt es in der Schweiz zu wenig Ärzte, Herr Napierala?

Marcel Napierala ist Chef von Medbase, einer der grössten Schweizer Gesundheitsgruppen. Er kennt den Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung wie kein Zweiter. Ein Gespräch über Corona, Gesundheitskosten, Ärztemangel und Digitalisierung. 

Text Rüdi Steiner und Bettina Bendiner
Fotos Dan Cermak
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Vor 20 Jahren begann er mit zwei Kollegen, heute ist er Chef von 3200 Mitarbeitenden: Marcel Napierala, CEO von Medbase. 

Sie sind Chef einer der grössten ambulanten Gesundheitsgruppen: Woran kranken wir Schweizer und Schweizerinnen am meisten?
An den bekannten Gesellschaftskrankheiten, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, metabolisches Syndrom. Das nimmt alles ziemlich schnell zu. Das macht mir Sorgen. Dazu kommen psychische Erkrankungen sowie Demenz und Alzheimer. Das macht mich persönlich sehr betroffen.

Was wäre zu tun?
Wir müssen uns mehr bewegen und bewusster ernähren. So einfach wäre das.

Wie oft gehst du zum Arzt?

Das ist leichter gesagt als getan…
Nein, so einfach ist es sicher nicht und die Zusammenhänge sind komplex. Aber wir müssen mehr in die Prävention investieren. Eltern müssen wissen, was es heisst, wenn ein Kind den ganzen Tag isst und sich nicht bewegt. Ein einfaches Beispiel: Was bedeutet abnehmen? Das ist nicht so schwierig. Ein Kilo abnehmen bedeutet etwa 6000 Kalorien zusätzlich verbrennen. Das wiederum bedeutet zehn Mal eine Stunde Joggen. Unser Gesundheitssystem ist aber nicht darauf ausgelegt. Wir fokussieren zu stark darauf, Leute wieder gesund zu machen.

Wann ist man gesund?
Für mich sind das Wohlbefinden und Lebensqualität. Wenn jemand körperlich gesund ist, sicher aber nicht wohl fühlt, des Lebens müde ist, ist das dann gesund? Grundsätzlich sind wir aber sehr gesund. Eine Frau wird heute im Schnitt 85, ein Mann 82. Vor 100 Jahren lag der Schnitt bei gut 60. Das ist eine unglaubliche Entwicklung.

Ist man auf dem Land gesünder?
Nein, so kann man das wohl nicht sagen. 

Seit eineinhalb Jahren beschäftigt uns alle eine Pandemie. Wie lange geht es noch?
Das kann ich nicht beantworten, ich habe keine Glaskugel. Im Nachhinein werden wir alle schlauer sein. Sicher ist: Die Impfquote in der Schweiz ist noch unterdurchschnittlich. Wir sollten alles daransetzen, diese weiter zu erhöhen.

Wie hat sich unser Gesundheitssystem bisher geschlagen?
Gut bis sehr gut. Mit einer Einschränkung: Der ambulante Sektor, also Arztpraxen und Apotheken, wurde am Anfang kaum in die Pandemiebekämpfung miteinbezogen. Wir mussten paradoxerweise in gewissen Bereichen Kurzarbeit anmelden. Im Pandemieplan ist zwar für die Armee eine Rolle vorgesehen, nicht aber für die stationären Ärzte und andere gut ausgebildete Mitarbeitende des Gesundheitswesens. Tausende Ärztinnen und Ärzte sassen auf der Ersatzbank und hatten zu wenig zu tun, während die Spitalangestellten total überlastet waren. Es war aber sicher besser, auf Basis eines bestehenden Plans zu entscheiden als auf Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Ich hoffe einfach, dass wir nicht noch einmal in eine ähnliche Situation kommen.

Ein grosses Thema ist auch die Digitalisierung. Dank Google und seinen Freunden sind wir inzwischen alle selbst auch ein wenig Mediziner. Wie merken Sie das?
Für die Ärztinnen, Apotheker und Zahnärztinnen ist das eine Herausforderung. Wir haben halbinformierte Patienten und Patientinnen. Es liegt dann am Arzt, dem Patienten zu erklären, dass seine Google-Diagnose aus diesen und jenen Gründen falsch ist. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

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«Wir müssen uns mehr bewegen und bewusster ernähren»: Das Gesundheitsrezept des ehemaligen Langläufers und heutigen Medbase-Chef Marcel Napierala tönt einfach. Es auch umzusetzen fällt vielen Menschen aber nicht leicht. 

Hast du deine Symptome auch schon gegoogelt?

Die andere?
Dank Google und Co haben wir mehr gut informierte Menschen. Sie setzen sich mit ihrer Gesundheit auseinander. Das befähigt sie dazu, selbst etwas zu unternehmen. Oberstes Ziel ist es ja, gar nicht erst krank zu werden. Und wenn du mal etwas hattest, nicht wieder krank zu werden. Die technologische Entwicklung kann uns dabei helfen.

Die Rolle des Arztes wird dann eine andere?
Ja. Es gibt heute viele unterstützende Wearables. Nehmen Sie diesen weissen Pin, den inzwischen viele Diabetiker am Arm haben. Er hat eine Verbindung zum Handy. Das misst so konstant den Blutzucker. Für einen Arzt ist es super, weil er dann alle Daten schon hat. Er kann den Patienten so besser coachen.

Seit 20 Jahren gibt es Medbase. Lassen Sie uns über die Anfänge reden…
Wir waren drei junge Physiotherapeuten und neu im Gesundheitswesen. Wir wollten die Dinge einfach etwas anders machen.

Was wollten Sie denn anders machen?
Wir kamen alle vom Leistungssport und sahen, dass dort im medizinischen Bereich viel mehr im Team gearbeitet wird. Das wollten wir in unserer Praxis auch so machen. Dieses Verständnis zieht sich bis heute durch. Wir schauen immer auch nach links und rechts. Deshalb haben wir heute in unserer Firma nebst medizinischen Praxen auch Apotheken und Zahnzentren. Unser Ziel war immer, den Weg der Patienten und Patientinnen, zum Beispiel vom Arzt zur Apotheke, zu erleichtern.

Ihr wart zu Beginn drei Physiotherapeuten. Das macht noch keine Arztpraxis. Wie seid ihr zu Ärzten gekommen?
Ich habe einen Arzt gekannt, er war mein Mannschaftsarzt, als ich noch Skilangläufer war. Er hat sich entschieden, vom Toggenburg zu uns nach Winterthur zu kommen als Sportarzt und Allgemeinmediziner. Da haben wir gesehen: Unsere Idee funktionierte und Ärzte waren interessiert, mit uns zusammenzuarbeiten.

Der Gesprächspartner

Vom Spitzenlangläufer an die Medizinerspitze

Marcel Napierala ist CEO der Medbase-Gruppe, die er 2001 mitgründete. Zunächst war er als Physiotherapeut und Geschäftsführer tätig. Parallel dazu studierte er Betriebswirtschaft. Die ambulante Gesundheitsgruppe mit Hauptsitz in Winterthur ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Sie betreibt in der Schweiz heute an über 150 Standorten Arztpraxen, Zahnzentren und Apotheken und beschäftigt gut 3200 Personen. Seit 2010 gehört Medbase der Migros.

Gab es da schon einen Plan, das an mehreren Standorten zu machen?
Ja, das war immer unser Traum. Ich habe ja auch noch Betriebswissenschaft studiert. Wir haben dann etwas zu rechnen begonnen und überlegt, wie wir das machen. Während meines Betriebswirtschaftsstudiums habe ich dann einen Vorgehensplan entwickelt. Dass wir eines Tages über 3000 Menschen sein werden, das war nie das Ziel.

Und jetzt, was kommt als Nächstes?
Nun müssen wir versuchen, die Prozesse zwischen Apotheken, Arztpraxen und Zahnzentren gut zu verbinden, damit es für die Kunden einfacher wird. Dazu gehört auch, dass Pflegefachpersonen Teil unseres Netzes werden.

Sie reden von der Spitex?
Nein. Ich rede von sogenannten «Advanced Practice Nurses», kurz APN. Wir unterstützen in Winterthur ein Projekt, bei dem Pflegekräfte so ausgebildet werden, dass sie Ärzte und Ärztinnen in ihrer Arbeit unterstützen können. Das funktioniert bestens. Wir wollen das nun auf andere Standorte ausweiten.

Was machen diese APNs konkret?
Sie werden klinisch geschult, damit sie Patientinnen und Patienten umfassender betreuen können. Nehmen wir einen Diabetiker: Er hat zwei Mal eine Sprechstunde beim Arzt, da wird er eingestellt und wichtige Fragen werden geklärt. Anschliessend wird der Patient von einer Nurse gecoacht.

Gibt es zu wenig Ärzte in der Schweiz?
Nein, es gibt nicht zu wenig Ärzte in der Schweiz, aber es gibt zum Beispiel zu wenige Hausärzte, vor allem auf dem Land. In Zweisimmen im Berner Oberland suchen wir seit Längerem eine Ärztin oder einen Arzt. Es ist schwierig, jemanden für eine ländliche Region zu gewinnen.

Wieso?
Weil die Arbeitszeiten in der Regel lang sind. Und die Verdienstmöglichkeiten anderswo grösser. Bei den gewissen Spezialisten ist das Angebot an vielen Orten jedenfalls grösser als die Nachfrage.

Was tun?
Wir sollten schauen, dass Leute im Beruf bleiben. Viele gehen heute nach der Uni in die Beratung oder zu Banken. Das ist nicht der Sinn dieser Ausbildung, die ja nicht gerade billig ist.

Von welchen Spezialisten gibt es denn viele?
Es gibt in mehreren Fachrichtungen Überkapazitäten. Bei den Orthopäden etwa ist ein richtiger «Kampf» um Patienten entstanden. Die ersten Kantone geben hier nun Gegensteuer und beschränken die Zulassung.

Sie könnten bei der Ärztesuche ins Ausland ausweichen…
Das machen wir zum Teil. Rund 60 Prozent der Angestellten stammen aber aus der Schweiz. Dann kommen die Nachbarländer Deutschland und Frankreich.

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Der Medbase-Chef will den Datenaustausch zwischen Patienten und Ärzten dank Digitalisierung vereinfachen. Das spare Geld und mache das Ganze effizienter, so Napierala. 

Sie arbeiten zusammen mit Partnern an einem eigenen Patientendossier und haben dazu eine neue Firma gegründet. Richtig?
Fast. Richtig ist, dass wir eine Firma gegründet haben, Bluespace Ventures AG, an der nebst Medbase aktuell noch eine grosse Klinikgruppe beteiligt ist. Wir arbeiten gemeinsam an einem offenen und gleichzeitig sicheren digitalen Netzwerk, wo Patienten und Patientinnen ihre Gesundheitsdaten ablegen können – oder Ärztinnen und weitere Spezialisten für sie. Wir wollen so den Datenaustausch zwischen Patienten und Ärzten vereinfachen –  wie auch zwischen verschiedenen Gesundheitsfachpersonen. Darüber hinaus werden wir weitere relevante digitale Gesundheitsservices anbieten, wie beispielsweise das Buchen von Arzt- oder Therapieterminen.  Wir sind auch offen für weitere Partner wie Spitäler, Krankenversicherungen oder Technologiefirmen.  

Warum machen Sie das? Weil es mit dem vom Staat verordneten Patientendossier nicht vorwärtsgeht?
Vor allem weil wir das brauchen. Wenn wir unsere Aktivitäten verbinden wollen, also Apotheken, Arztpraxen, Zahnkliniken, vielleicht dereinst auch Fitnesscenter, und die relevanten Daten austauschen wollen, dann brauchen wir ein solches System. Wir werden so auch effizienter und sparen Kosten.

Können Sie ein Beispiel machen?
Nehmen wir eine Knieverletzung. Der Arzt macht ein MRI, dann kommt die Patientin ins Spital. Dort wird wieder ein MRI gemacht, weil die Patientin die Daten nicht dabeihat.  Dies ist sehr kostspielig. In unserem Online-Portal werden künftig verschiedenste Spezialisten Einsicht in ein und dasselbe MRI erhalten. Damit werden Mehrfachausführungen obsolet. Voraussetzung ist, dass die Patientin einwilligt.  

Was haben Patienten davon?
Sie werden ermächtigt, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und diese eigenständig zu organisieren. Der Zugang zu ihren Gesundheitsdaten wird einfacher und transparenter, und die Betreuung erfolgt koordinierter. Die Daten sind gesichert. Und die Patienten entscheiden selbst, wer was sehen darf.

Seit 2010 ist die Migros bei Ihnen an Bord, inzwischen ist sie Eigentümerin. Was hat das gebracht?
Die Migros ist eine sehr verlässliche Partnerin, nicht nur, was das Finanzielle betrifft. Wir konnten viel von ihr lernen, gerade was Prozesse betrifft. Die Migros ist ein Unternehmen, dem man vertraut und das sich fürs Wohlbefinden der Bevölkerung engagiert. Die Migros ist kein gewinnmaximierendes Unternehmen. Das passt perfekt zu uns, und es ist eine einmalige Chance im Gesundheitswesen. 

Was meinen Sie damit?
Wir können heute zusammen mit der Migros die Gesundheit der Menschen in fast allen Bereichen bewegen. Von Ernährung, über Bewegung und Entspannung bis hin zum Medizinischen.

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