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Dem Gehirn zu liebe

Fussball ohne Kopfball?

In England fand diesen Herbst erstmals ein Match mit Kopfballverbot statt. Für den Ex-Profi Phlippe Montandon, der seine Karriere nach acht Hirnerschütterungen beenden musste, eine spannende Entwicklung. Ein Gespräch übers Gehirn und Fussball ohne Kopfbälle. 

Text Dario Aeberli
Fotos Anna-Tina Eberhard
Nach langen ­Arbeitstagen hat Ex-Fussballprofi Philippe ­Montandon (39) Kopfschmerzen – auch wegen der vielen Gehirn­-er­schütterungen auf dem Fussballplatz?

Nach langen ­Arbeitstagen hat Ex-Fussballprofi Philippe ­Montandon (39) Kopfschmerzen – auch wegen der vielen Gehirn­-er­schütterungen auf dem Fussballplatz?

Sie mussten Ihre Karriere vor sieben Jahren beenden. Schuld war ein Zusammenprall mit dem Kopf eines  Mitspielers. Woran erinnern Sie sich noch?
Ehrlich gesagt, mag ich mich nur noch daran erinnern, wie ich vom Physio gestützt vom Rasen ging. Mein Kopf hing runter und ich dachte mir: Das wars. Wie es zum Zusammenstoss gekommen ist, weiss ich nur noch aus den Fernsehbildern. 

Der Physiotherapeut musste Sie nicht überreden, sich auswechseln zu lassen?
Nein. Ich und mein ganzes Umfeld waren ja darauf sensibilisiert. Ich hatte in den 14 Monaten zuvor schon zwei Gehirnerschütterungen gehabt. Ich war damals schon in Behandlung und trug während den Spielen ein gepolstertes Stirnband zum Schutz. Darum war es gar kein Thema, dass ich da versuchen könnte, weiterzuspielen.

Hat das Stirnband gar nichts genützt?
Mein Arzt sagte mir: Kopfverletzungen passieren dann, wenn man nicht gefasst darauf ist, einen Schlag auf den Kopf zu kriegen. Setzt man bewusst zum Kopfball an, kann man den Schlag mit der Nackenmuskulatur absorbieren. Bei mir war es aber ein Schlag, der einen Bruchteil zu früh kam. Der Ball war in der Luft, der Torhüter rannte raus, ich kam von hinten und plötzlich stieg mein Mitspieler vor mir hoch und unsere Köpfe stiessen zusammen. Der Schlag traf mich unterhalb meines rechten Auges. Für mich war das Stirnband ein psychologischer Schutz.

Sie fühlten sich sicherer. 
Ja, es gab mir nach meiner sechsten Hirnerschüttert die Sicherheit, weiterzuspielen. Ich ging aber nicht mit der Einstellung ins Spiel: Jetzt kann mir nichts mehr passieren.

Wie geht es Ihnen heute?
Eigentlich gut. Ich habe immer gesagt, wenn ich meinen Alltag so bestreiten kann, wie ich will, dann ist das super. Und das kann ich. Nach einem Arbeitstag vor dem Computer habe ich oft Kopfschmerzen. Ob ich jetzt mehr oder weniger oft habe, das kann ich nicht messen. Ich weiss nicht, wie es wäre, wenn ich diese Verletzung nicht gehabt hätte.

Voller Einsatz in der Luft: Der St. Galler Philippe Montadon (links) gegen Marco Streller vom FC Basel in einem Meisterschaftsspiel im Jahr 2013.

Voller Einsatz in der Luft: Der St. Galler Philippe Montadon (links) gegen Marco Streller vom FC Basel in einem Meisterschaftsspiel im Jahr 2013.

Zur Person

Philippe Montandon wurde 1982 geboren. Sein Debut als Profifussballer gab er 1999 beim FC Winterthur. Danach hinterliess er vor allem in der Ostschweiz seine Spure. Mit dem FC Wil gewann er 2004 den Schweizer Cup. Danach spielte er insgesamt sechs Jahre für den FC St. Gallen. Dort wurde er Captain und Publikumsliebling, bis er im Januar 2015 nach seiner achten Hirnerschütterung seinen Rücktritt aus dem Profifussball bekannt gab. Heute arbeitet er als Verkaufsleiter bei einer Immobilienfirma und als Experte für den Fussballsender Blue Sport. Montandon wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Zuzwil SG.

Verfluchen Sie manchmal den Moment des Zusammenpralls? 
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte zumindest das Privileg, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Es gibt viele, die das wollen, aber in den entscheidenden Momenten kein Glück hatten. Ich hatte das Glück. Ich war bei meinem Rücktritt bereits 32 Jahre alt, darum habe ich nicht mehr so mit mir gehadert.

Werden Fussballer zu wenig für Gefahren von Kopfverletzungen sensibilisiert? 
Ja und das stört mich. Denn es gibt manchmal Zweikämpfe, bei denen zu rücksichtslos mit dem Gegenspieler umgegangen wird. Eine Hirnerschütterung hatte ich beispielsweise, weil ich einen Ellbogenschlag kassiert habe.

Aktuell diskutieren die Fussballregelgeber darüber, ob Kopfbälle verboten werden sollten. In England dürfen Fussballprofis nur noch zehn Kopfbälle pro Training machen. Ist das die Lösung? 
Schlussendlich gehört der Kopfball zum Fussball. Ohne ist es ein komplett anderes Spiel. Ein Restrisiko besteht immer. Ich finde es super, dass solche Vorstösse gemacht werden. Manchmal braucht es extreme Vorstösse, damit sich eine abgeschwächte Form davon durchsetzt. Ich finde nicht, dass der Kopfball an und für sich ein Problem ist. Ich habe die Hälfte meiner Tore mit dem Kopf gemacht, es wäre schade, wenn ich das nicht hätte erleben können.

Eine Studie aus Schottland mit 8'000 Teilnehmenden hat gezeigt, dass das Risiko an Demenz zu erkranken bei Fussballern im Vergleich zur normalen Bevölkerung deutlich erhöht ist. Gar fünfmal höher ist das Risiko bei Verteidigern wie Ihnen, die viele Kopfbälle machen. 
Ich habe auch davon gehört. In den 50er und 60er Jahren spielte man auf der Insel mit richtigen Lederbällen, die sich bei Regen vollsogen und so bis zu zwei, drei Kilo schwer waren. Aber die heutigen Bälle sind doch deutlich leichter.

Machen Ihnen solche Studienergebnisse nicht dennoch Angst? 
Doch. Ich muss sagen, ich habe ehrlich Respekt vor der Zukunft, weil ich nicht weiss, was auf mich zu kommt. Wie schlimm hat es mich erwischt? Ich bin heute 39 Jahre alt und hoffe, ich habe noch das eine oder andere gute Jahr vor mir. Das Risiko ist bei mir sicher erhöht und der Gedanke schwirrt immer etwas im Hinterkopf umher.

Sie sind heute Verkaufsleiter bei einer Immobilienfirma in Amriswil SG und haben eine Ausbildung zum Betriebswirtschafter gemacht. Haben Sie damit getestet, ob Ihr Gehirn noch richtig funktioniert?
Nein. Ich habe das gemacht, um mich beruflich weiterzubilden. Ich habe Kaufmann auf der Gemeinde Brüttisellen ZH gelernt. Nach 15 Jahren Spitzensport musste ich einen Weg zurück finden. In der Schweiz verdienst du als Profi nicht so viel Geld, dass du sagen kannst, jetzt mach ich mal ein halbes Jahr lang nichts. Es hatte definitiv nichts damit zu tun, meine Hirnfunktionen zu testen.

Aber erleichtert waren Sie schon, als das mit dem Lernen klappte? 
Ich habe mir mehr Gedanken darüber gemacht, wie es wird nach 15 Jahren wieder in die Schule zu gehen. Aber klar du merkst es funktioniert, du kannst hingehen, dein Hirn arbeitet wie es sollte. Das gibt ein gutes Gefühl.

Fussball ohne Kopfbälle – was denkst du?

Was wäre dann eine abgeschwächte Variante des Kopfballverbots, die Sie unterstützen würden?
Ich habe noch keine gefunden. Vielleicht spielen wir in zehn Jahren Fussball ganz ohne Kopfbälle. Wer weiss? Wichtig ist, dass die Thematik diskutiert wird und man zusammen mit medizinischen Fachleuten nach Lösungen sucht. Es gibt heute schon Check-Listen, die das medizinische Team bei Kopfverletzung durchgehen muss, bevor man weiterspielen darf. Der Sportler auf dem Platz ist vollgepumpt mit Adrenalin, die Fans machen Stimmung, da geht niemand freiwillig raus. Darauf müssen die Mediziner sensibilisiert sein und den Spieler trotzdem vom Feld nehmen, um ihn zu schützen. 

Das bekannteste Beispiel dafür ist Christof Kramer. Der deutsche Nationalspieler bekam im WM-Final 2014 einen Schlag gegen den Kopf, wurde untersucht und spielte danach noch 10 Minuten weiter. Ein paar Tage später sagte er, er könne sich nicht an das Spiel erinnern.
Ich glaube, wenn das heute passieren würde, würde man ihn sofort rausnehmen. Wobei Christian Fassnacht von den Young Boys auch gerade erst eine Kopfverletzung hatte und nun bereits wieder spielt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, wie zwei Spieler mit dem Kopf zusammenprallen?
Das sehe ich nicht gerne. Ganz ehrlich: Bei solchen TV-Szenen zucke ich zusammen. Wenn man weiss, welche Kräfte da wirken.

Sie wurden kurz nach Ihrer achten Gehirnerschütterung Vater. War das der Grund, warum Sie später zurückgetreten sind? 
Nein, es ging einfach nicht mehr. Der Zusammenprall war im August. Im November hatte ich immer noch Probleme wie Schwindel oder Übelkeit sobald ich mich intensiver bewegte. Dann habe ich bis zur Vorbereitung im Januar Pause gemacht und musste am ersten Trainingstag wieder abbrechen. Mir wurde wieder schwindlig. Ich verlor die Orientierung.

Was hat Ihnen Ihr Arzt geraten?
Der Fall war klar, wir mussten nicht lange diskutieren. Aus medizinischer Sicht machte es keinen Sinn, weiterzuspielen.

Dann mussten Sie nicht lange um den Entschied ringen?
Nein. Was sicher geholfen hat, ist, dass ich gerade Vater geworden war. Was der Fussball einem gibt, sind wahnsinnig viele Emotionen. Dank meinem Kind konnte ich ganz andere, starke Emotionen erleben und mich vom Fussball abnabeln.

Vier Jahre nach Ihrem Rücktritt haben Sie wieder angefangen Fussball zu spielen. Heute spielen Sie bei den Senioren des FC Zuzwil.
Ja, es hat mich wieder gereizt. Ich wollte wieder tschutten. Ein sehr guter Freund hat mich ins Boot geholt. Kopfbälle mache ich aber keine mehr.

Gar keine?
Also im äussersten Notfall, wenn fünf Meter rundherum niemand sonst ist, kann es schon sein, dass ich den Kopf hinhalte.

Erstes Spiel ohne Kopfball

Debatte zum Kopfballverbot

Am 26. September fand in England, dem Mutterland des Fussballs, das erste Spiel ohne Kopfbälle statt. Zuvor hatte eine Studie der Universität Glasgow mit rund 8’000 Teilnehmenden gezeigt, dass Fussballer deutlich häufiger an Demenz, Alzheimer oder Parkinson erkranken als die Durchschnittsbevölkerung. Der Grund dafür: Wohl die vielen Kopfbälle. Denn Torhüter, die praktisch keine Kopfballduelle führen, erkranken gleich häufig wie Menschen, die keinen Fussball spielten.  Der europäische Fussballverband empfiehlt, im Kinderfussball so weit wie möglich auf Kopfbälle zu verzichten

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