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Smartphone im Kinderwagen

Ab wann dürfen Kleinkinder Handys nutzen?

Ab welchem Alter? Wie häufig? Wie lang? Eltern kleiner Kinder haben viel Fragen zum Umgang mit dem Smartphone. Der Experte Philipp Wampfler plädiert für klare Abmachungen und Abläufe bei der Medienzeit – und einen entspannten Umgang damit.

Text Monica Müller
Fotos Getty Images
Ein Kleinkind mit Handy in den Händen – da werden die Eltern mit bösen Blicken bestraft. 

Ein Kleinkind mit Handy in den Händen – da werden die Eltern mit bösen Blicken bestraft. 

Der Bus ist voll, das Kind nach einem Tag in der Kita müde. Finden Sie es in Ordnung, ihm ein Handy in die Hand zu drücken?
Es gibt nicht viele gute Ideen in dieser Situation: Die anderen Passagiere sind ebenfalls erschöpft vom Tag und würden sich an einem schreienden Kind stören. Auch die Eltern sind müde und haben keine Lust, angeschnauzt zu werden. Gegenüber den anderen Passagieren ist es rücksichtsvoll, ein Kind mit einem Handy ruhigzustellen. Medienpädagogisch ist es aber nicht optimal. Da wäre es besser, sich Gedanken zu machen, was ein sinnvoller Inhalt ist und das Kind beim Spiel oder Filmchen zu begleiten.

Das ist nicht sehr realistisch im vollen Bus.
Genau. Auch Erwachsene fixieren in dieser Situation ihr Smartphone, um die Sinnesüberforderung auszublenden. Natürlich gibt es auch immer diejenigen, die den Kopf schütteln, wenn sie ein Kind im Buggy mit einem Handy in der Hand sehen. Das gilt als moralisch verwerflich. Ich vergleiche Medienkonsum gern mit Essen. Es gibt Gesünderes als eine Portion Pommes frites. Aber wenn man unterwegs ist und das Kind den Falafel nicht anrühren würde, sind die Pommes in diesem Moment die bessere Lösung. Genauso, wie Kinder nicht ständig Pommes essen sollten, sollten Eltern sie nicht ständig mit einem Handy ruhigstellen. Zudem ist entscheidend, was ein Kind auf dem Handy macht.

Was empfehlen Sie?
Schaut ein Kind Fotos an von einem Ausflug, kann es die Erinnerung daran aufleben lassen und diesen schönen Tag verarbeiten. Das ist sogar gut für seine kognitive Entwicklung. Umso mehr, als dass Bilder von gemeinsamen Erlebnissen oft zu Gesprächen führen. Bei eigenen Bildern weiss man auch ganz genau, was sich die Kinder ansehen. Sie sind keiner unberechenbaren Dynamik ausgesetzt. Viele Spiele und Filmli sind zu schnell und überfordern kleine Kinder.

Der Experte

Philipp Wampfler (44) ist Medienpädagoge und Experte für Lernen mit Neuen Medien. Er ist Vater von drei Kindern im Alter von 12, 11 und 9 Jahren.

Was halten Sie davon, wenn Eltern Zeit am Bildschirm als Belohnung oder Bestrafung einsetzen? So à la «Wenn du den Tisch deckst, darfst du eine Folge Paw Patrol schauen.»
Belohnen und Bestrafen sind generell problematisch in der Erziehung. Und oft funktionieren solche Ansätze schlecht. Die Konsequenz einer Strafe müsste mit dem Vergehen zusammenhängen und unmittelbar erfolgen, sonst erkennen kleine Kinder keinen Zusammenhang. Ich finde es nicht sinnvoll, Medienzeit an Pflichten im Haushalt zu knüpfen. Medienzeit sollte kein Machtmittel sein.

Wie organisiert man Medienzeit am besten?
Sie sollte in einen Tagesablauf eingebettet sein, der immer gleich ist. Beispielsweise: Immer nach dem Zähneputzen darf ein Kind eine Folge seiner Lieblingsserie schauen. 

Viele Kinder freuen sich den ganzen Tag auf dieses Zeitfenster. Weshalb eigentlich?
Schauen Kinder Filme oder gamen am Bildschirm, wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Meist werden in den altersgerechten Serien auch Probleme gelöst und zum Schluss gibt es ein Happyend. Das fühlt sich gut an. Gleichaltrige Kinder schauen sich oft dieselben Serien an und sprechen darüber, das verbindet. Für viele Kinder wirkt ein kurzer klarer Fokus am Bildschirm auch entspannend.

Manche Kinder essen nur, wenn sie gleichzeitig auf einen Bildschirm schauen. Wie beurteilen Sie das?
Dabei handelt es sich um Extremfälle. Ich nehme an, die Eltern haben das in einem Moment der Überforderung zugelassen, es hat funktioniert und sich dann eingeschliffen. Leider beschäftigen sich Eltern, die solche Muster beibehalten, nicht mit Fragen rund um Medienzeit. Alle andern tun das...

 ...und haben oft ein schlechtes Gewissen, wenn ihre Kinder am Handy oder Tablet sind.
Ob Vierjährige nun 20 oder 40 Minuten am Tag vor einem Bildschirm sitzen, ist nicht entscheidend. Es braucht klare Abmachungen und immer gleiche Abläufe. Man sollte das Thema nicht so moralisch aufladen. Bildschirmzeit sollte für alle eine Entlastung bedeuten, nicht Stress.

Es gibt Apps, die mathematisches Denken fördern, oder Filme, die Englisch vermitteln. Finden Sie das sinnvoll?
Medien sind mit Lernen verbunden. Kinder eignen sich auch Fertigkeiten an, wenn man nicht daran denkt. Sammeln sie Pokémon-Karten, lernen sie rechnen, strategisch denken, verhandeln. Man sollte das Lernen nicht zu sehr in den Fokus stellen. Kinder lernen am und ohne Bildschirm, darauf kann man vertrauen. Wichtig ist, dass man ihre Interessen begleitet.

Wann schadet Medienkonsum Kindern?
Was nicht altersgemäss ist, schadet. Inhalte, die ein Kind nicht verstehen und bewältigen kann, erzeugen Stress. In der Regel funktionieren Serien wie Pingu, Barbapapa oder Paw Patrol gut, weil sie immer gleich ablaufen und berechenbar sind. Das Repetitive ist nervig für die Eltern, aber gut für die Kinder. Zu viel Zeit am Bildschirm schadet ebenfalls.

Warum eigentlich?
Schaut ein Vierjähriger zwei Stunden am Stück allein auf einen Bildschirm, spürt er seine Bedürfnisse nicht mehr. Die Lust sich zu bewegen, mit anderen zu spielen und sich auszutauschen wird überdeckt. Er ist nicht mehr achtsam mit sich. Sind Eltern aufmerksam, merken sie, wenn ihre Kinder vor dem Bildschirm unruhig werden und der Moment gekommen ist, etwas anderes zu tun. Auch wenn die festgelegte Bildschirmzeit 20 oder 30 Minuten beträgt, darf man als Familie Ausnahmen machen und gemeinsam einen Spielfilm schauen.

Viele Eltern wüssten gern genau: wie viel Zeit am Handy ist für welches Alter angemessen?
Das lässt sich zeitlich nicht fixieren, weil sich Kinder und die Situationen unterscheiden. Kleine Kinder können sich oft nicht länger als 10 Minuten konzentrieren – das betrifft dann auch die Handynutzung. Eine genaue Abstufung und Einteilung ist nicht sinnvoll, weil die Nutzung so unterschiedlich ist. 

Ab welchem Alter darf man Kindern denn ein Handy in die Hand drücken?
Das hängt davon ab, wie und ob ein Kind begleitet wird. Bilder anschauen und darüber reden können Zweijährige, selbständig Apps benutzen nicht. Ich würde darauf achten, wie das Kind reagiert: Ist es zufrieden, ruhig – oder gestresst und überfordert?  

Warum ist dieses Thema so moralisch aufgeladen?
Menschen bewerten immer moralisch. Ältere Leute sind ohne Bildschirme aufgewachsen und beurteilen sie deshalb oft noch strenger. Viele Eltern fragen sich auch: Handhabe ich Medienzeit richtig? Sie hinterfragen auch ihre eigene Smartphone-Nutzung kritisch und rechtfertigen diese. Fühlen sie sich unsicher, kann der Gedanke beruhigend sein: «Vielleicht mache ich nicht alles richtig. Aber besser als die der anderen sind unsere Regeln und Abmachungen auf jeden Fall.»

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