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Unbesetzte Lehrstellen

In diesen Berufen wird dringend Nachwuchs gesucht

Auch dieses Jahr blieben Tausende von Lehrstellen unbesetzt – in der Migros unter anderem im Detailhandelsfach und bei der Fleischwirtschaft. Was hat das für Folgen?  

Text Ralf Kaminski
Fotos Nik Hunger
Liebt es, der Kundschaft Zubereitungstipps zu geben: Yannick Kunz hinter der Fleischtheke des Migros-Neumarkts in St. Gallen.

Liebt es, der Kundschaft Zubereitungstipps zu geben: Yannick Kunz hinter der Fleischtheke des Migros-Neumarkts in St. Gallen.

Gut gelaunt steht Yannick Kunz hinter der Fleischtheke und berät eine Kundin. Am liebsten gibt der 22-jährige Hobby-Koch Zubereitungstipps. Kunz hat dieses Jahr in Arbon TG seine Lehre als Detailhandelsfachmann Fleischwirtschaft EFZ abgeschlossen und arbeitet seit kurzem in der Migros Neumarkt im Stadtzentrum von St. Gallen. Aber junge Leute wie er werden zunehmend rar. 

Rund 300 Lehrstellen konnte die Migros-Gruppe für 2021 nicht besetzen. Das entspricht etwa 10 Prozent – und dem üblichen Durchschnitt der letzten Jahre. Besonders betroffen sind Stellen im Detailhandel, also etwa Mitarbeitende, die in den Filialen Produkte bewirtschaften, Kundinnen und Kunden beraten oder an der Kasse arbeiten. Speziell prekär ist die Lage bei den Fleischfachleuten. All dies hat Auswirkungen auf den Betrieb der Supermärkte, die deshalb vermehrt auch ausserhalb der Migros rekrutieren müssen.

In der Migros Neumarkt blieben dieses Jahr vier von sechs Lehrstellen unbesetzt, in den Bereichen Haushalt, Lebensmittel und Metzgerei. Als letztes hat 2019 eine Fleischfachfrau ihre Lehre abgeschlossen – seither ist es nicht gelungen, Lehrstellen in diesem Bereich neu zu besetzen.

Zu Unrecht ein schlechtes Image

Die Gründe für die Schwierigkeiten sind vielfältig und individuell: die Samstagsarbeit, das frühe Aufstehen, der nicht eben hohe Anfangslohn. «Und viele glauben, dass es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gibt, was aber ein Irrtum ist», erklärt Daniel Mattmann (49), Geschäftsführer des Neumarkts, der einst selbst als Migros-Lernender in der Unterhaltungselektronik begonnen hat. Zudem habe der Verkauf zu Unrecht ein schlechtes Image: «Er ist verglichen mit anderen Berufen sehr abwechslungsreich und bietet flexible Arbeitszeiten.»

Dennoch steht bei den Jungen eine Ausbildung im Verkauf oft nicht an erster Stelle. Umso mehr bemüht man sich auch beim Neumarkt, junge Leute direkt anzusprechen. «Wir bieten beispielsweise individuelle Schnuppertage an oder organisieren Besuche für ganze Schulklassen», sagt Nicole Signer (44), Bereichsleiterin Frische beim Neumarkt. «Dabei bringen wir ihnen die Vielfalt der Migros-Welt näher und hoffen so, motivierte junge Menschen zu finden, die diesen Beruf mit Herzblut ausüben.»

Mit Vielfalt werben

Yannick Kunz gehört zu ihnen. Aber er war einer von gerade mal zwei Lernenden, die dieses Jahr im Kanton Thurgau im Fleischfachbereich ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Warum macht er, wofür sich kaum noch jemand findet? Kunz lacht. «Weil ich sehr gerne koche und etwas gesucht habe, das so ähnlich ist.» Er machte sich Sorgen, dass ihm das Kochen privat verleiden würde, wenn er es auch beruflich täte. «In diesem Job jedoch lerne ich viel Neues, was mir auch für mein Hobby hilft.» Obwohl er selbst nur einmal pro Woche Fleisch isst.

Zwar findet auch er den Job «streng», die langen Arbeitszeiten, der Stress rund um Ostern und Weihnachten. Aber er liebt den Austausch mit der Kundschaft. «Es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Kundin eine Woche später wieder kommt und sich für meine Zubereitungstipps bedankt.»

Arbeitet gerne mit Lebensmitteln: Alexandra Bischof, die im Neumarkt eine Lehre im Detailhandel absolviert.

Arbeitet gerne mit Lebensmitteln: Alexandra Bischof, die im Neumarkt eine Lehre im Detailhandel absolviert.

Auch Alexandra Bischof liebt den Austausch mit der Kundschaft. Für die 17-Jährige war die Lehre als Detailhandelsfachfrau Nahrungs- und Genussmittel EFZ ganz klar Plan A. Gerade ist sie in der Backwarenabteilung tätig, die sie wegen des frischen Brotdufts liebt. «Ich arbeite gerne mit Lebensmitteln und finde es spannend, wie sich das saisonale Angebot an Früchten und Gemüse übers Jahr hinweg verändern.»

Beide mögen ihre Arbeit. Und wenn sie für ihre Jobs werben müssten, würden sie die Vielfalt hervorheben. «Viele glauben, man räumt einfach nur den ganzen Tag Regale ein», sagt Bischof, «dabei macht man täglich viele unterschiedliche Dinge – von der Warenbestellung über die Produktebewirtschaftung bis zur Kundenberatung.» Zudem gebe es viele Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Bischof möchte später eine Fachleiter-Ausbildung machen und eine Leitungsfunktion übernehmen. Kunz sieht seine Zukunft zwar im Fleischbereich, aber eher im Einkauf oder Marketing. 

Neues Berufsbild ab Sommer 2022

Die Migros versucht so einiges, um mehr Jugendlichen offene Lehrstellen schmackhaft zu machen. Neben der Entlöhnung gibt es Benefits wie vergünstigte ÖV-Abos oder Laptops. Zudem möchte das Unternehmen mit Mitgestaltungsmöglichkeiten auch den Teamgeist fördern. «Zum Beispiel gibt es bei Denner Lehrlingswochen, wo die Lernenden die Filiale für einige Zeit selbst führen», sagt Stefan Gamper (36), der die Nachwuchsprogramme für die Migros-Gruppe koordiniert.

«Vielerorts wird auch mehr Mobilität ermöglicht, so dass Lernende verschiedene Filialen und Fachmärkte kennenlernen und mehr Abwechslung erleben.» Die Migros ist zudem an Berufsmessen sehr aktiv und schaltet in ihren Läden Werbespots für offene Lehrstellen. Auch wurde das Berufsbild durch den Detailhandel Schweiz auf August 2022 totalrevidiert, um diese Stellen für junge Berufsleute noch attraktiver zu machen. 

Eine Lehre bei der Migros

Eine Ausbildung in der Migros-Gruppe lohnt sich nicht nur wegen der attraktiven Zukunftsperspektiven. Schon in der Lehre gibt es jede Menge Vergünstigungen, unter anderem Mahlzeitenzulagen, Zuschüsse zu ÖV-Abonnements, jährliche Pauschale für das Schulmaterial, finanzielle Vorteile bei der Migros Bank, interne Weiterbildungen, Fördermittel für Sprachkurse, 6 Wochen Ferien, günstige Konditionen bei bestimmten Versicherungen, Beteiligung an Kursen der Migros Klubschulen und der Migros Fitnessparks, spezielle Angebote für PCs, Laptops und Tablets bei melectronics, zusätzliche Cumulus-Punkte beim Einkaufen in der Migros.

Mehr Infos zur Berufsbildung bei der Migros gibt es hier

Lernende Total: 3’695 (Stand Juli 2021)
Lernende pro Jahr: ca. 1300 - 1400
Anzahl Lehrberufe in der Migros: 70 
Weiterbeschäftigt in Lehrbetrieben: 58% (ohne Weiterbeschäftigungen mit Betriebswechsel in der Migros-Gruppe)

Gamper sieht die Ansprüche der jungen Generation als wichtigen Grund für die Herausforderung, Nachwuchs in bestimmten Bereichen zu finden. «Früher war die Sicherheit des Arbeitsplatzes wichtiger als die Entfaltung kreativer Fähigkeiten. Die Jungen heute suchen Sinnhaftigkeit, Mitwirkungsmöglichkeiten, möchten mit anderen zusammenarbeiten.» Zudem sei natürlich die Konkurrenz gross, etwa im IT-Bereich, aber auch durch andere Detailhändler. Dennoch profitiere die Migros von ihrem guten und bekannten Namen. «Wir haben eine gute Reputation und eine breite Palette an Berufen. Zudem reden die Eltern meist mit, und bei denen gilt die Migros als verlässliche Arbeitgeberin.»

In einigen Bereichen bestehe trotzdem das Risiko, dass später auch geeignete Leute für Kaderjobs fehlten. Besonders stark vom Fachkräftemangel betroffen ist die Fleischfachbranche. «Dies ist auf ein sich veränderndes Konsumverhalten zurückzuführen, zudem auf die hohen psychischen und physischen Ansprüche an Mitarbeitende in dieser Branche», sagt Gamper. «Auch mit mehr Lohn und gutem Marketing finden wir dafür in der Schweiz kaum noch jemanden.»

Quereinsteiger gefragt

Die Situation unterstreiche die Wichtigkeit der Nachwuchsförderung, findet Urs Burkard (60), Bereichsleiter Metzgerei beim Neumarkt St. Gallen. «Da muss man in Zyklen von 15, 20 Jahren denken. Da hier nun viel investiert wird, erhöht das die Chancen, dass sich dieses Problem dann in zehn Jahren wieder entschärft.» Auch wenn das Image des Jobs schwierig bleibe und es gerade bei den Jungen einen gesellschaftlichen Trend weg vom Fleischkonsum gebe.

Dennoch erlebt er auch ab und zu Überraschungen, etwa letztes Jahr einen Quereinsteiger aus der Flugbranche. Der neue Mitarbeiter flog zuvor bei der Swiss als Flight Attendant, aber als dann wegen Corona der Flugverkehr einbrach, schaute er sich nach was Neuen um. «Er hat bei uns angefragt, ob er Teilzeit einsteigen könnte, um etwas Geld zu verdienen. Und realisierte dann, dass ihm der Job Spass macht», erzählt Burkard. «Inzwischen macht er seine Aufgaben selbstständig und will nicht mehr zurück.»

dani-duttweiler

Dani Duttweiler (49) ist Leiter Berufsbildungspolitik beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. (Bild: Sabine Moser)

«Einige handwerkliche Berufe erleben ein Revival»

Rund 10’000 Lehrstellen konnten dieses Jahr landesweit nicht besetzt werden. Besserung ist jedoch in Sicht.

Dani Duttweiler, welche Berufe sind besonders betroffen?
Die Zahl der unbesetzten Stellen liegt im üblichen Rahmen der letzten Jahre. Betroffen sind vor allem handwerkliche Berufe und solche, bei denen mit hohem Körpereinsatz gearbeitet werden muss. Dazu gehören neben dem Detailhandel auch die Bau- oder die Gastrobranche.

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde befürchtet, dass die Zahl der Lehrstellen stark zurückgehen könnte – ist dies passiert?
Erfreulicherweise nicht. Lehrstellen gelten bei Firmen als langfristige Investition, auch wenn die Lage gerade schwierig ist. Ausserdem hilft, dass das Schweizer Berufsbildungssystem enorm durchlässig ist. Auch auf Basis einer Lehre gibt es viele interessante Karrierewege mit guten Löhnen. Via Berufsmatur und Passerelle steht auch die Universität offen.

Weshalb wollen dennoch viele keine Lehre machen?
Das liegt auch daran, dass einige gut gebildete Eltern aus dem Ausland mit dem Schweizer System nicht vertraut sind und ihre Kinder deshalb lieber ans Gymnasium schicken. Aber auch die Arbeitsbedingungen in einigen Berufen spielen eine Rolle – etwa dass man unregelmässige Arbeitszeiten hat oder Schicht arbeiten muss.

Gibt es Bereiche, wo es gar keinen Nachwuchs mehr gibt?
Mir ist keiner bekannt. Es gibt rund 230 Lehren in der Schweiz, zwei Drittel der Stellen finden sich in den 20 meistgewählten Berufen. Einige handwerkliche Berufe erleben sogar ein Revival, etwa der Hufschmied – allerdings ist der heute weniger in der Landwirtschaft als im Freizeitbereich und Sport gefragt. Es kommen auch laufend neue Berufe hinzu, wie beispielsweise in der Gebäudeinformatik.

Wird es irgendwann wieder leichter, Lehrstellen zu besetzen?
Tatsächlich sind nun geburtenstarke Jahrgänge in Sicht – also mehr junge Leute, die Lehrstellen suchen. In einzelnen Kantonen wie Zürich macht sich das bereits bemerkbar. Es kann also sein, dass es in ein paar Jahren wieder mehr Suchende als Lehrstellen gibt. Diese Situation hatten wir letztmals 2003 – und haben damals viel Erfahrung gesammelt, wie man damit umgehen kann. Lernende müssen sich deswegen also keine Sorgen machen.

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