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Daddy cool

Alleinerziehende Väter

Sie schmeissen Job und Haushalt – und sind in der Schweiz noch immer eine Ausnahmeerscheinung. Drei alleinerziehende Väter erzählen, wie sie in ihre neue Rolle gefunden und was sie dabei gelernt haben.

Text Anne-Sophie Keller
Fotos Samuel Trümpy
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Alleine unter Frauen: Milko van Rijn (48) mit seinen dreizehnjährigen Zwillingen Mia und Fay.

Es hat schlicht nicht funktioniert», sagt Milko van Rijn über die Beziehung zur Mutter seiner Kinder. So weit, so alltäglich. Nicht ganz so alltäglich ging es weiter: Nach der Trennung blieben die Zwillinge Mia und Fay per Gerichtsentscheid beim Vater. Van Rijn leitete fortan also nicht nur das digitale Marketing einer Firma, sondern auch einen Teenagerhaushalt. «Die Leute sind oft erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich alleinerziehend bin. Aber ich mache ja nichts anderes als eine alleinerziehende Mutter», sagt der 48-Jährige. Mia und Fay stehen in regelmässigem Kontakt mit ihrer Mutter, die im selben Dorf wohnt: Zweimal pro Woche essen die 13-Jährigen bei ihr, zudem verbringen sie jeden zweiten Sonntag zusammen.

Auch Marc Haudenschild trägt mit zwei Kindern und einem Job gleich dreifach Verantwortung. «Meine Ex-Frau und ich waren so glücklich, als das erste Kind kam. Aber es ging schnell, wir waren erst ein Jahr zusammen. Und sie war um einiges jünger als ich», erzählt der 38-jährige Logistiker. Nach dem zweiten Kind kämpfte die Mutter mit gesundheitlichen Problemen. Psychologische Hilfe konnte sie nicht annehmen. Plötzlich war Haudenschild für alles zuständig: Tagsüber arbeitete er, abends war er für Familie und Haushalt verantwortlich. Die Mehrfachbelastung führte vor zwei Jahren zu einem Nervenzusammenbruch. «Mir war klar: So geht diese Beziehung nicht weiter. Aber ich war enorm traurig. Man will doch schon nur den Kindern zuliebe ein Leben lang zusammen sein.»

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Marc Haudenschild (38) ist seit zwei Jahren alleinerziehender Vater zweier Jungs im Alter von zwei und fünf Jahren.

Im Februar 2019 beschloss das Paar die Trennung, die Kinder kamen zunächst für vier Monate zu den Grosseltern, damit ihr Vater wieder Fuss fassen konnte. Haudenschild erhielt zudem behördliche Hilfe und über die Kesb einen Beistand für seine Söhne. «Ich bekam schliesslich das Obhutsrecht, da die Mutter das Kindswohl nicht gewährleisten konnte.» Die Söhne sind heute zwei und fünf Jahre alt und sehen ihre Mutter nur alle zwei Wochen für eine oder zwei Stunden in Anwesenheit einer Familienbegleitung. «Ich würde mir wünschen, dass sie mehr Kontakt zu ihr hätten. Der Kleine sagte eine Zeit lang zu jeder Frau Mama.»

Die grosse Lücke

Eine Mutter, die fehlt. Bei der Familie Merz aus Weinfelden schwingt dieses Gefühl seit neun Jahren mit. «2007 erhielt meine Frau Susanne die Diagnose Darmkrebs», erzählt Thomas Merz (57). Es folgten fast fünf Jahre mit viel Hoffen und Bangen. Als seine Frau starb, wurde er nicht nur Witwer, sondern auch alleinerziehender Vater.

Die Welt stand Kopf; die Familie musste sich reorganisieren. «Meine Töchter und ich haben das zusammen gemeistert: Petra sagte, sie könne einkaufen gehen, Salome entschied sich, die Wäsche zu machen, Anina erledigte das Bügeln», beschreibt Vater Thomas die Situation. «Natürlich haben wir zu Hause viele Aufgaben übernommen, aber wir durften Kinder bleiben», ergänzt Tochter Petra.

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Viele können nicht nachvollziehen, was diese Aufgabe bedeutet»: Witwer Thomas Merz (57) mit den Töchtern Anina (23), Salome (26) und Petra (28).

«Kurz bevor Susanne starb, ging ich spazieren. Plötzlich erhielt ich Kraft für diese Aufgabe», erzählt Thomas Merz und sagte ihr dann: «Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht wehtut, wenn du stirbst, und du nicht an allen Ecken und Enden fehlen wirst. Aber ich kann dir versprechen, dass ich die Kinder durch diese Phase begleite, bis sie wieder an einem guten Punkt in ihrem Leben stehen.»

Zu dieser Zeit arbeitete Merz als Dozent in der Lehrerbildung – ein Glücksfall. Die Vorbereitungsarbeit, die am meisten Zeit beansprucht, konnte er von zu Hause aus erledigen: «Meine Tür stand immer offen. Ich wollte da sein, wenn meine Töchter mit einem sprudelnden Mitteilungsbedürfnis nach Hause kommen, und nicht erst am Abend.» Dass er bereits zuvor eine nahe Beziehung zu seinen Kindern pflegte, war entscheidend, um die neuen Herausforderungen zu bewältigen. Merz erlebte den Alltag seiner Kinder mit und kannte deren Freunde: «Ich wusste immer, wer bei uns im Garten spielt.»

Beruf und Familie vereinbaren

Dass er und seine Töchter die Situation so gut gemeistert haben, macht ihn stolz. Dahinter stecken viel Engagement und Verzicht. «Ich habe mir am Sonntag eine Stunde für mich gegeben, die übrige Zeit gehörte Beruf und Familie.» Für diesen Entscheid musste er sich nicht selten rechtfertigen: «Viele können nicht nachvollziehen, was diese Aufgabe bedeutet. Schau mal auf dich – das ist so locker gesagt. Aber es gibt Phasen im Leben, da steht man in der Verantwortung.»

Als Alleinerziehender kam er immer wieder an seine Grenzen. «Ganz am Anfang hatte ich nicht einmal genug Energie, um uns eine Putzfrau zu suchen.» Auch die Suche nach einer Partnerin hatte lange kaum Raum. Die jüngste Tochter, Anina, ist heute die einzige Frau im Hause Merz: «Wir sind ein eingespieltes Team: Bereits als meine grossen Schwestern noch zu Hause wohnten, haben Papa und ich oft gekocht», sagt die 23-jährige angehende Hebamme. Die zwei geniessen das WG-Leben in vollen Zügen und beschäftigen sich momentan mit der Renovation des Hauses.

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«Mütter, die hundert Prozent arbeiten, werden kritisiert. Ich werde gefeiert»: Marc Haudenschild staunt manchmal über die Reaktionen von Aussenstehenden.

Auch bei Marc Haudenschild diktieren die Kinder den Alltag: Aufgestanden wird um fünf Uhr morgens, gefolgt von Zigarette und Kaffee auf dem Balkon. «Anschliessend mache ich das Znüni bereit. Um halb sechs gehts unter die Dusche, und dann wecke ich die Jungs, damit sie sich anziehen und etwas essen können.» Um sechs Uhr ist Abmarsch in die Kita; um sieben Uhr steht Haudenschild an seinem Arbeitsplatz auf der Matte. Um 16 Uhr holt er seine Söhne wieder ab, und das Männertrio geht einkaufen. Zu essen gibt es, was preislich in Aktion ist. «Von der Mutter erhalte ich kein Geld, da sie Sozialhilfe bezieht. Sie sagt, das gehe sie nichts an.» Eine Aussage, die von einem Vater unvorstellbar wäre. Zu Hause spielen die Jungs, manchmal schauen sie fern. «Erst, wenn sie im Bett sind, habe ich noch etwas Zeit für mich.»

Die finanzielle Doppelbelastung spürt auch Milko van Rijn: «Da wir noch nicht geschieden sind, unterstütze ich meine Ex-Frau finanziell. «Während der Trennung durfte ich mein Pensum als Hauptverdiener nicht auf 80 Prozent reduzieren – auch wenn ich die Kinder betreue.» Die Hilfe der Grosseltern war bei ihm ein Segen: Am Anfang machten die Zwillinge nach der Schule bei Opa und Oma Hausaufgaben, bis ihr Vater nach Hause kam. «Seit einem Jahr sind sie eine Stunde alleine daheim, aber das funktioniert gut.» Wenn die Kinder im Bett sind, arbeitet van Rijn oft noch weiter.

Die doppelte Rolle

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Milko van Rijn muss sich öfter mal einen Film oder eine Serie anschauen, die er nicht so toll findet. Doch der alleinerziehende Vater nimmt das gerne in Kauf. 

«Man arbeitet mit Job und Kindern zwei Schichten, am Wochenende kommt noch der Haushalt dazu.» Wichtig seien Inseln ohne Verpflichtungen – und manchmal eben auch ohne die Kinder. Es funktioniert nur als Team. «Vor einem Jahr haben wir unseren Geburtstag in einem Escape Room gefeiert. Es kamen abgesehen von Papa nur Mädchen. Aber er war gar nicht peinlich», sagt Fay über ihren «Teamkollegen». Dass ihr Vater zu Hause kocht, finden die meisten ihrer Kolleginnen ziemlich cool. Und wie gefällt ihm das Zusammenleben? «Ich muss öfter mal einen Film oder eine Serie anschauen, die ich nicht so toll finde. Und ich lernte Tiktok kennen! Zum Glück finden meine Töchter nicht nur Schminken lässig, sondern auch Zelten.» Dann sei es im Gegenzug auch mal okay, eine Pyjamaparty zu veranstalten. Den gelassenen Papa findet auch Mia cool: «Wir können mit ihm über alles reden, er ist immer offen. Und diesen Sommer haben wir im Garten Gemüse angebaut.»

Allein unter Frauen: Für Thomas Merz ist das Alltag. Ob er hie und da auch ein bisschen Mama sein musste? «Ich hätte Susanne nie ersetzen können, sie hat in vielerlei Hinsicht gefehlt», stellt er klar. Ihm sei es aber wichtig gewesen, dass seine drei Töchter auch weibliche Bezugspersonen haben. Merz hat ihnen verschiedene Frauen im familiären Umfeld aufgezählt, bei denen sie fortan offiziell das Recht hatten, über ihn zu schimpfen, wenn sie einmal unzufrieden mit ihm waren. «Wenn sie es mit mir mal nicht gut hatten, hatten sie ja sonst niemanden, an den sie sich wenden konnten.»

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Thomas Merz hat seinen Töchter Frauen aus dem familiären Umfeld angegeben, bei denen sie über ihn schimpfen durften. 

«Ich glaube, gewisse weibliche Seiten fehlen mir schon», sagt Marc Haudenschild. «Ich bin gefühlvoll, aber manchmal auch einfach pragmatisch.» Konkret bedeutet das: Ab und zu zieht er seinen Jungs auch eine Hose an, die einen Fleck hat. Wenn es nur auf der Damentoilette Wickeltische gab, wickelte er den Jüngsten halt auf dem Boden. Als alleinerziehender Vater erhält er viel Lob – und es gibt auch staunende Gesichter. «Vor allem Menschen aus anderen Kulturen verstehen nicht, wie ein Mann das alles alleine machen kann. Mütter, die hundert Prozent arbeiten, werden kritisiert. Ich werde gefeiert.»

Kam Zeit, kam Rat

Dabei ist Marc Haudenschilds Alltag nicht immer einfach. Denn einige Fragen bleiben bestehen: «Die Familienbegleitung, der Beistand und ich wissen noch nicht so genau, wie es weitergeht», sagt er. «Meine Ex-Partnerin liebt ihre Kinder, aber die Situation ist schwierig – vor allem für die Kinder.» Dass seine Söhne ihre Mutter so wenig sehen, macht ihn traurig. «Ich hoffe, wir können das ändern.»

Dass sich Geduld auszahlt, durfte van Rijn erleben: «Es war eine herausfordernde Zeit für alle. Es gab viel Trauer, Enttäuschungen und Konflikte. Aber jetzt geht es uns gut. Ich finde, wir haben das sehr gut gemacht.» Wenn die Kinder Mühe haben, solle man sich Hilfe holen. Er und seine Töchter nahmen die Unterstützung eines Kinderpsychologen in Anspruch. Die besten Trennungspsychologen seien jedoch Max und Shiva, die zwei neuen Katzen der Töchter.

Wenn Thomas Merz zurückblickt, ist er dankbar: «Petra und Salome sind vor fünf und vier Jahren ausgezogen. Ich war weniger traurig, als ich es erwartet hätte. Vor allem habe ich mich gefreut zu sehen, wie toll sie ihren Weg ins Leben finden.» Er wusste: Als sie ihn wirklich gebraucht haben, war er da. Immer. Irgendwie ist er das auch heute noch.

Verband für Einelternfamilien

Hilfsangebote

Was sind meine Aufgaben und Rechte? Wo erhalte ich Unterstützung? Seit  1984 widmet sich der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) diesen Fragen. Der Dachverband der Einelternfamilien in der Schweiz unterstützt Alleinerziehende mit Coachings, Beratungen sowie Informationen und fungiert zudem als Plattform für den gegenseitigen Austausch.

Mehr Infos auf svamv.ch und facebook.com/einelternfamilien

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