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Jugend heute

«Unsere Generation ist zum Optimismus gezwungen»

Das Migros-Magazin hat sechs ­unterschiedliche junge Menschen zu einer Diskussionsrunde über ihre Lebenssituation eingeladen. Ein Gespräch über die Arbeitswelt, Beziehungen und die Zukunft.

Text Ralf Kaminski, Lisa Stutz, Anne-Sophie Keller
Fotos Christian Schnur
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Sechs junge Menschen geben einen Einblick in ihre Lebenswelt: Silvana Roffler, Cloé Salzgeber, Nino Russano, Ronja Fankhauser, Jean-Claude Warmbrodt und Braelyn Mitrovic (von links).

Was beschäftigt euch gerade so im Leben?

Silvana: Die Politik. Bald kommt die Abstimmung über die Trinkwasser-Initiative. Von ihr hängt es ab, ob ich einmal den landwirtschaftlichen Betrieb weiterführen kann, den meine Grosseltern aufgebaut haben. Es macht mir Sorgen, wie es für unsere Familie weiterginge, falls sie angenommen würde.

Cloé: Ich bin mit meiner Situation gerade sehr zufrieden. Nach einer Findungsphase habe ich kürzlich angefangen, Journalismus und Organisationskommunikation zu studieren, und denke, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Das ist ein gutes Gefühl.

Nino: Persönlich läuft es gut für mich, ich komme voran mit meinem Studium. Politisch stehen wir an einem Wendepunkt, an dem es sich entscheidet, wie es mit der Schweiz und der Welt weitergeht.

Ronja: Das sehe ich ähnlich. Mich beschäftigen Fragen zu unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem stärker als meine persönliche Situation, mit der ich recht zufrieden bin. Gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel frage ich mich, was ich selbst ändern kann, um etwas für die richtige Richtung beizutragen. Ausserdem beschäftigt mich, in welchen Bereichen ich privilegiert oder diskriminiert bin und wie ich damit besser umgehen kann.

Die Tipps unserer Jugendlichen im Umgang mit Corona. (Video: Jana Figiluolo)

Arbeitswelt

Seid ihr alle unterwegs zu eurem Traumjob?

Silvana: Meine landwirtschaftliche Lehre war sicher der richtige Entscheid, sie war sehr interessant und vielfältig. Im Moment bin ich mich ein wenig am Ausprobieren, ich bin bei einem Betrieb angestellt, im Winter habe ich eine Saisonstelle im Service eines Restaurants. Landwirtschaft ist zwar meine Leidenschaft, aber ich will vorher noch ein bisschen etwas anderes sehen.

Braelyn: Ich bin mit meinem Praktikum bei Star TV zufrieden. Die Medienindustrie finde ich spannend, auch weil sie als vierte Gewalt die Menschen so sehr beeinflusst und so wenig reguliert ist. Aber noch mehr interessiert mich Marketing, ich möchte mich künftig stärker in diese Richtung begeben.

Cloé: Ich bin tatsächlich auf dem Weg zu meinem Traumberuf. Ich möchte Moderatorin und Journalistin werden – und spüre jetzt schon durch erste praktische Einsätze und im Studium, wie gut das zu mir passt. Dabei wusste ich lange nicht so recht, was ich will. Nach einem Praktikum als Lehrerin habe ich realisiert: bloss nicht! Aber schon bald ging eine neue Tür auf. Dass mein Vater beim Fernsehen arbeitet, hatte sicherlich auch einen Einfluss. 

Ronja: Bei mir ist es komplizierter: Ich liebe das Schreiben, aber die Chancen sind gering, dass ich damit genug für meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich habe jedoch das Glück, dass ich in einem Kollektiv mit 15 anderen Personen bin und wir alle unsere Einnahmen teilen – deshalb bin ich nicht zwingend auf ein stabiles Einkommen angewiesen. Ansonsten muss ich mir irgendeine Lohnarbeit suchen, um nebenher meiner Leidenschaft nachzugehen.

Jean-Claude: Ich habe eine Lehre als Pharmatechnologe abgebrochen, bin jetzt aber mit der KV-Lehre bei der Migros gut unterwegs, glaube ich. Der kaufmännische Bereich ist lehrreich und macht mir Spass, nach der Lehre habe ich viele Möglichkeiten, mich in eine bestimmte Richtung zu spezialisieren.

Nino: Ich war lange Zeit auf den Lehrerberuf fixiert, merke jetzt aber in meinem Studium, dass ich mit Geschichte und Geografie noch viel andere Möglichkeiten habe. Derzeit denke ich, es könnte Richtung Humangeografie gehen, weil ich mich gerne mit dem Verhältnis zwischen Raum und Mensch beschäftige. Aber mal sehen.

Ihr wollt also möglichst einen Job, der euch sinnvoll erscheint und Spass macht?

Ronja: Idealerweise schon, aber in meinem Fall werden sich Leidenschaft und Geldverdienen wohl nicht vereinbaren lassen. Und ich bin auch bereit, irgendeinen Job zu machen, etwa kellnern, wenn ich dadurch weiter schreiben kann.

Silvana: Und es tut auch ganz gut, mal etwas zu machen, das nicht so toll ist. Dann schätzt man es umso mehr, wenn man etwas findet, das einem gefällt. Es wird so vielleicht auch weniger rasch zur Routine.

Erlebt ihr die Arbeitswelt als einladend?

Nino: Nicht wirklich. Ich finde es ziemlich schlimm, dass alles immer schneller, effizienter, besser werden muss. Stattdessen müsste doch jeder Mensch die Möglichkeit haben, eine Arbeit zu finden, die ihm oder ihr voll entspricht – und davon sind wir weit entfernt. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine gesunde work-life-balance sind oft schwierig zu erreichen. Wir werden als Gesellschaft zwar immer produktiver, doch das wird nicht genutzt, indem wir etwa für alle die Arbeitszeit reduzieren.

Braelyn: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir in der Schweiz so effizient und produktiv unterwegs sind. Bezüglich Automatisierung, Digitalisierung und Datenschutz sind wir ziemlich rückständig, verglichen mit einigen asiatischen Ländern.

Ronja: Ich finde die Arbeitswelt auch nicht einladend. Vor allem tue ich mich schwer damit, dass über die Lohnhöhe einigen Aufgaben mehr Wert als anderen gegeben wird. Ist denn die Arbeit eines Strassenreinigers wirklich weniger wichtig als die einer Anwältin? So entstehen falsche Hierarchien und Dynamiken.

Silvana Roffler (19) aus Klosters GR ist gelernte Landwirtin. Sie ist hetero und single. Ihre Freizeit verbringt sie in der Natur und in den Bergen.

Silvana Roffler (19) aus Klosters GR ist gelernte Landwirtin. Sie ist hetero und single. Ihre Freizeit verbringt sie in der Natur und in den Bergen.

Ist jemand zufrieden mit der Arbeitswelt?

Silvana: Ich finde sie recht okay. Klar, irgendetwas findet man immer, über das man schimpfen kann. Aber die Schweiz bietet doch gute, vielfältige Möglichkeiten – man kann praktisch alles machen und verdient grundsätzlich genug, um davon leben zu können. Auch wenn es in einigen Jobs sicher noch mehr sein könnte. Aber klar muss die Schweiz zusehen, dass sie sich immer weiter entwickelt und konkurrenzfähig bleibt. 

Sorgt ihr euch, dass es irgendwann nicht mehr genügend gut bezahlte Jobs geben könnte?

Braelyn: Schwer zu sagen. Aber im Vergleich mit Südkorea sind wir doch ziemlich rückständig unterwegs. Dort hat man eine Robotersteuer eingeführt, deren Einnahmen an die Bevölkerung verteilt werden, die das Geld in ihrer Region für Waren oder Dienstleistungen ausgibt. Das wäre ein Weg, um Jobs, die durch die Automatisierung wegfallen, finanziell zu kompensieren. Ich glaube allerdings nicht, dass das in meiner Lebenszeit schon ein so grosses Thema sein wird.

Ronja: Aber für viele ist es doch jetzt schon schwierig. Es gibt zu wenig gut bezahlte Jobs. Und Leute, die ausländische Zertifikate oder gar keine Papiere haben, bekommen kaum einen. Für mich selbst habe ich keine Angst: Ich habe eine gute Ausbildung, bin weiss... ich denke, hier im Raum muss sich deswegen niemand Sorgen machen. Aber es gibt viele, die weniger privilegiert sind.

Nino: Die Ungleichheiten sind einfach enorm – nur schon wie Arbeit definiert wird. Dass viele Frauen sich um Kinder oder Betagte kümmern, wird weder als Arbeit angesehen noch angemessen bezahlt. Stattdessen wird pausenlos über die Digitalisierung diskutiert. Entscheidend ist doch, wie wir die sozial begleiten, und schon jetzt sind wir darin nicht besonders gut.

Silvana: In meiner Branche ist es üblich, lange und hart zu arbeiten, das bin ich gewohnt. Und ja, es gibt bei der Lohnhöhe unfaire Aspekte, aber wer in der Schweiz arbeiten will, der findet Arbeit. Auch wenn das vielleicht nicht immer der Traumjob ist. Vielleicht muss es halt auch mal ein Scheissjob sein, denn auch der muss ja gemacht werden. Das Problem ist doch: Viele finden es heute unter ihrer Würde, gewisse Arbeiten zu übernehmen.

Beziehungen

Nur zwei von euch sind in einer Beziehung, Cloé und Ronja. Seid ihr anderen freiwillig oder unfreiwillig single?

Silvana: Beides ein bisschen. Ich bin ganz froh, dass ich im Moment flexibel bin und auf niemanden schauen muss, weil doch gerade einiges in Bewegung ist. Ich suche nicht aktiv, aber wenn der Richtige käme, würde ich mich über eine Beziehung freuen.

Nino: Bei mir ist es ähnlich. Wenn sich etwas ergibt, ist gut, wenn nicht, ist auch nicht schlimm. Ich bemühe mich derzeit nicht aktiv. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es etwas gedauert hat, mir einzugestehen, dass ich bisexuell bin – diesen Prozess musste ich erst mal durchmachen. Und wenn eine Beziehung, dann sollte es eine sein, die hält.

Jean-Claude: Auch ich suche nicht aktiv, es gibt ja noch ein paar andere Dinge im Leben. Aber wenn sich etwas ergeben würde, sollte es auch längerfristig sein, denn beide investieren viel Zeit und Energie, da sollte eine Beziehung schon länger halten als ein paar Wochen.

Braelyn: Ich habe schlicht keine Zeit für eine Beziehung, ich schaffe es schon nicht, alle meine Freundschaften richtig zu pflegen. Ausserdem war die letzte Beziehung schwierig. Sie hielt zwei Jahre, aber ich geriet in eine emotionale Abhängigkeit und wurde zu einem Menschen, den ich kaum wiedererkannte. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich mich davon erholt hatte.

Ronja, Cloé, ihr seid glücklich verliebt?

Cloé: Sehr! Wir kennen uns schon lange, gingen zusammen in die Sek. Und irgendwann ergab es sich dann halt. Ich bin ein Familienmensch und heimatbezogen, Zusammenleben und Gemeinschaft sind mir sehr wichtig. Er ergänzt mich, und das ist ein wunderschönes Gefühl. Ich bin auch überzeugt, dass man spürt, wenn man mit dem richtigen Menschen zusammen ist.

Ronja: Ich führe zwei Beziehungen, die eine seit vier, die andere seit fünf Jahren, beide Personen sind trans und non-binär.

Silvana: Wie alt bist du nochmal?

Ronja: 20.

Cloé: Und die beiden wissen voneinander?

Ronja: Ja.

Braelyn: Sind in eurem Kollektiv alle polyamourös?

Ronja: (lacht) Nein, das hat damit nichts zu tun. Es im Grunde wie jede andere Beziehung, einfach mit zwei Personen. Und ich habe durch sie viel über mich gelernt und darüber, was ich überhaupt unter einer Beziehung verstehe – für mich kann sie durch grosse emotionale Nähe ebenso entstehen wie durch Sex. Ausserdem finde ich es wichtig, Regeln nicht einfach zu übernehmen, sondern zu hinterfragen. Wir neigen zu oft dazu, Bestehendes hinzunehmen, obwohl man vieles auch ganz anders machen könnte.

Braelyn: Ich finde es sehr cool, dass du diese Normen hinterfragst. Viele tun das nicht, obwohl sie sich mit ihnen nicht wohlfühlen.

Nino: Richtig, diese normative Vorstellung von Beziehung nervt: heterosexuell, monogam. Ich werde zum Beispiel immer gefragt, ob ich eine Freundin habe. Es könnte doch auch ein Freund sein.

Polyamourös, trans, non-binär, verstehen das hier alle?

Silvana: Gehört habe ich schon davon, aber ich bin halt auf dem Land aufgewachsen, dort ist das alles nicht so üblich. Ich kenne persönlich niemanden, der schwul ist, und nur gerade eine Lesbe. Trotzdem finde ich das sehr spannend und auch total cool, dass Ronja das so macht. Wenn das für alle so stimmt, ist das bestens. Für mich würde das allerdings nicht funktionieren.

Cloé: Am Ende entscheidet bei jedem das Herz, was es will. Wichtig finde ich, dass wir gegenseitig unsere Sichtweisen und Lebensentwürfe akzeptieren.

Ronja: Und es ist wichtig, über diese Dinge zu reden – nur so realisieren die Menschen, dass es da noch mehr Möglichkeiten gibt.

Nino: Ich finds okay, wenn Leute diese Begriffe nicht verstehen, wenn sie halt noch nie damit konfrontiert wurden. In meinem Juso-Umfeld sind diese Ausdrücke so selbstverständlich, dass ich nach und nach mit ihnen vertraut wurde.

Denkt ihr, dass andere Gleichaltrige diese Themen ähnlich entspannt sehen wie ihr?

Silvana: Ich kenne schon auch Leute, die damit weniger entspannt umgehen würden, da kämen sicherlich ein paar spöttische oder abschätzige Sprüche.

Ronja  Fankhauser (20) aus Bern schreibt Artikel,  Bücher («Tagebuchtage, Tagebuchnächte», Lokwort, 2020)  und studiert literarisches Schreiben. Ronja ist queer, non-binär und in einer Be­ziehung mit zwei anderen, non-binären Menschen – und engagiert sich für LGBTQ- Anliegen, Migration und  Antikapitalismus.

Ronja Fankhauser (20) aus Bern schreibt Artikel, Bücher («Tagebuchtage, Tagebuchnächte», Lokwort, 2020) und studiert literarisches Schreiben. Ronja ist queer, non-binär und in einer Beziehung mit zwei anderen, non-binären Menschen – und engagiert sich für LGBTQ-Anliegen, Migration und Antikapitalismus.

Ihr wollt alle längerfristige Beziehungen. Dabei dachten wir, dass die Generation Tinder sich nur ungern festlegt …

Braelyn: Ich kann mit dieser Tinder-Kultur nichts anfangen. Umso mehr als Studien zeigen: Je mehr Sexpartner man hat, desto schwerer fällt es, langfristige Beziehungen einzugehen.

Nino: Tinder ist bei mir schon ab und zu ein Thema, aber manchmal wird es mir zu anstrengend. Ich glaube, die Mehrheit der jungen Menschen möchte langfristige Bindungen.

Was ist mit Hochzeit, Kindern, Einfamilienhaus, Hund, Bausparvertrag – was wünscht ihr euch so?

Jean-Claude: In meinem Umfeld ist Heiraten kein grosses Thema. Vieles geht heute problemlos auch ohne. Ich sehe das auch so, aber vielleicht ändert sich das noch. Kinder möchte ich aber auf jeden Fall.

Cloé: Ich auch – und ich will auch mal heiraten, in der Kirche, das ganze Programm (lacht). Eine Hochzeit ist doch etwas Schönes, der nächste Schritt, die Feier der eigenen Partnerschaft. Aber das soll jeder für sich selbst entscheiden.

Silvana: Auch ich möchte heiraten, mir bedeutet das etwas, es ist ein Versprechen vor Gott. Und Kinder will ich auch, fünf wären nicht schlecht. Als Kind hatte ich nur eine Schwester und hätte gerne noch ein paar mehr zum Streiten gehabt (lacht).

Braelyn: Ich finde Heiraten cool und möchte das auch irgendwann. Nicht aus religiösen Gründen, das ist mir egal, aber dadurch entsteht, glaube ich, einfach eine stärkere Bindung.

Nino: Hochzeit und Kinder möchte ich auch irgendwann, ein Haus nicht unbedingt, das finde ich Platzverschwendung. Lieber eine schöne Altstadtwohnung in Basel.

Ronja: Ich werde wohl nie heiraten, weil mich der staatliche Aspekt stört, auch wenn ich es inzwischen eigentlich eine schöne Tradition finde. Und ich könnte mir schon vorstellen, als Alternative ein anderes grosses Fest zu feiern. Das mag jetzt überraschen, aber ich finde Traditionen wichtig – allerdings sollten sie immer wieder mal den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Kinder hätte ich auch ganz gerne. In unserem Kollektiv kümmern sich alle ein wenig mit um die Kinder, auch ich ab und zu, und das gefällt mir schon. Es wären dann aber sicher mehr als nur zwei Eltern.

Silvana: Ich bin sicher, das funktioniert gut, wie du das beschreibst. Aber ist diese Konstellation nicht schwierig, wenn die Kinder dann in der Schule mit anderen zusammenkommen, die ganz klassisch aufgewachsen sind? Machst du dir um so was Gedanken?

Ronja: Das beschäftigt mich schon. Im Moment gehen die Kinder aus unserem Kollektiv in eine alternative Schule, wo das noch kein Thema ist. Aber eigentlich wäre es gut, wenn sie sich irgendwann in einer regulären Schule mit all den anderen auseinandersetzen müssten. So würden sie mit Erfahrungen konfrontiert werden, die sie noch nicht kennen.

Jean-Claude  Warmbrodt (19)  aus Möhlin AG macht eine KV-Lehre bei der Migros in Basel, er ist hetero und single. Jean-Claude ist gerne mit  Kollegen unterwegs und spielt Online-Games.

Jean-Claude Warmbrodt (19) aus Möhlin AG macht eine KV-Lehre bei der Migros in Basel, er ist hetero und single. Jean-Claude ist gerne mit Kollegen unterwegs und spielt Online-Games.

Erwachsene

Was habt ihr für eine Beziehung zu euren Eltern?

Nino: Ich habe einen italienischen Migrationshintergrund, und Familie hat einen hohen Stellenwert bei uns. Meine Mutter hatte anfänglich Mühe damit, als ich dieses Jahr in eine WG zog. Meine Grossmutter versteht nicht, warum ich mit einer Frau zusammenlebe, die nicht meine Partnerin ist lacht).

Ronja: Ich kam mit 15 in ein Internat und war nur noch am Wochenende daheim. Ich denke, meine Eltern und ich konnten viel voneinander lernen, aber es war nicht immer einfach. Sie haben einen Betrieb, in dem sie Fleisch produzieren. Als ich mit zehn verkündete, dass ich jetzt Vegi sei – und später, dass ich eine Freundin habe und dann sogar noch eine zweite Partnerschaft … Inzwischen können sie aber gut damit umgehen. Ich habe zwei Geschwister und werde wohl mal den Hof übernehmen – ihn aber ziemlich anders führen. Mein Vater macht alles alleine. Ich würde die Arbeit wohl eher auf ein Kollektiv verteilen.

Jean-Claude: Mein Vater lebt in Frankreich. Aber obwohl die Distanz gross ist, habe ich einen guten Draht zu ihm, ebenso zu meiner Mutter. Bei einigen Themen haben wir aber unterschiedliche Ansichten.

Braelyn: Meine Grosseltern leben in Bosnien und sind eher rechts orientiert. Es ist immer schön, mit ihnen zu reden – aber es gibt oft Streit. Mein Opa etwa geht jagen, ist Imker, macht alles selber und liebt Waffen. Er ist das totale Gegenstück zu mir. Wenn er debattieren will, dann gehe ich darauf ein. Aber nur auf eine Art, auf die wir uns danach immer noch sehen wollen. Und es ist immer sehr unterhaltsam.

Wer von euch möchte das Leben eurer Eltern führen?

Braelyn: Nein! (allgemeines Gelächter)

Cloé: Bei mir geht es schon in diese Richtung. Meine Eltern haben geheiratet, Kinder gekriegt, konnten sich ein berufliches Standbein aufbauen und müssen sich keine grossen Sorgen machen. Ich glaube, es ist ein Privileg, wenn du ein Dach über dem Kopf hast, gesund bist und gesunde Kinder hast. Darum sehe ich meine Eltern auch als eine Art Vorbild.

Wem geht es ganz anders?

Nino: Meine Eltern sind mir zu wenig politisch – ohne dass das ihre Schuld wäre. Aber wenn ich einmal so alt bin wie sie, möchte ich immer noch irgendwie aktiv sein. Ich könnte nicht einfach passiv Teil einer Gesellschaft sein, sondern will zu einer Verbesserung beitragen.

Silvana: Bedeutet denn aktiv sein, dass du zum Beispiel Teil einer Juso sein musst? Ich bin jetzt politisch nicht so aktiv wie du, mache mir aber sehr viele Gedanken über Politik. Reicht das nicht?

Nino: Man kann politisch aktiv sein oder sich gesellschaftlich engagieren. Zum Beispiel bei einem gemeinnützigen Verein oder indem man Care-Arbeit übernimmt. Aber für sich zu leben und sich abzuschirmen? Das geht für mich gar nicht.

Gesprächsrunde mit Corona-Abständen im Guggi.

Die angeregte Diskussionsrunde fand unter Einhaltung der notwendigen Corona-Abstände statt.

Fühlt ihr euch im Arbeitsleben von den Erwachsenen ernst genommen?

Silvana: Mein Vater gibt mir viel Arbeit ab, über die ich selbständig bestimmen kann. Das finde ich nicht selbstverständlich. Er hatte in meinem Alter im Betrieb noch nicht viel zu sagen. Ich hingegen kann als 19-Jährige, frisch aus der Lehre, sagen, wie ich es machen möchte.

Jean-Claude: Ich habe in dieser Hinsicht auch Glück; ich werde immer wieder nach meiner Meinung gefragt und dann auch ernst genommen.

Ronja: Ich nicht immer, finde ich, auch weil ich als weiblich wahrgenommen werde. Und bei der konservativen Seite meiner Verwandtschaft habe ich das Gefühl, die möchten nicht so viel mit mir zu tun haben.

Findet ihr, eure Eltern und Grosseltern übergeben euch die Welt in einem akzeptablen Zustand, oder würdet ihr sie lieber gerne zurückgeben und umtauschen?

Nino: Ich würde die Welt gerne nochmals für ein Update zurückgeben. Sei es klimatechnisch oder was Themen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie anbetrifft. Wir haben so viele Bereiche, bei denen wir einfach noch nirgends sind. Gerade die Generation der Babyboomer hat sich zu lange zurückgelehnt, und unsere Generation muss das nun ausbaden. Immerhin gibt es bei manchen Themen einen Konsens, den es früher nicht gab, zum Beispiel, dass Väter nach der Geburt eines Kindes auch eine Weile zu Hause bleiben sollten.

Silvana: Ich sehe das etwas anders. Es herrschten für unsere Eltern doch damals ganz andere Umstände. Sie sind zu einer Zeit aufgewachsen, in der der Zweite Weltkrieg noch nicht so lange her war. Es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung und viele neue Technologien. Klar ist es schlecht, was alles passiert ist. Aber ich bin überzeugt, dass sie ihr Verhalten dazumal richtig fanden, sie haben es einfach nicht besser gewusst.

Ronja: Ich bin schon manchmal hässig. Zwar finde ich, dass es wenig bringt zurückzuschauen, was alles falsch lief – stattdessen sollten wir nach vorne schauen und es besser machen. Aber es gab eben schon Leute, die wussten, dass der Klimawandel real ist und dennoch das Gegenteil behaupteten.

Braelyn  Mitrovic (21)  aus Wil SG macht eine Ausbildung im Bereich Grafik und Social Media. Sie ist trans, single und hat keine besonderen Hobbys.

Braelyn Mitrovic (21)  aus Wil SG macht eine Ausbildung im Bereich Grafik und Social Media. Sie ist trans, single und hat keine besonderen Hobbys.

Medien

Wie viele Stunden pro Tag seid ihr an eurem Smartphone?

Nino: Definitiv zu viel! Das hat auch damit zu tun, dass ich oft erreichbar sein muss. Wenn ich schaue, wie viel Zeit ich mit sozialen Medien verschwende, wäre eine Beschränkung wohl schon gut. Ich gehe auch oft aus Gewohnheit drauf, obschon ich viel Sinnvolleres machen könnte.

Cloé: Aber Zeit am Handy ist nicht immer einfach verschwendet. Klar, wenn du auf Instagram nur Seich anschaust, schon. Aber ich benutze mein Smartphone oft, um mich zu informieren und zu kommunizieren. Dass wir immer online sind, hat auch Positives. Man muss einfach wissen, wie man richtig damit umgeht.

Braelyn: Ich bin sehr aktiv. Aber ich bin durch mein Praktikum gerade beruflich sehr gefordert und benutze mein Handy oft aus Recherchegründen. Einfach hirntot rumsurfen, das kann ich gar nicht.

Silvana: Bei mir kommt es extrem darauf an, was ich gerade mache. Beim neuen Betrieb arbeitet eine Kollegin aus dem gleichen Dorf. Wir treffen uns fast jeden Abend, gehen laufen oder jassen. Und dann bin ich jeweils nur zehn Minuten oder eine halbe Stunde am Handy. Aber wenn ich frei habe, sind es auch mal vier Stunden.

Ronja, du hast kein Smartphone – warum?

Ronja: Weil ich es einfach nicht brauche. Aber ich bin kein Engel, schliesslich habe ich einen Laptop und bin dort regelmässig online. Das Problem ist aber ohnehin nicht, dass wir zu viel am Handy sind, sondern dass grosse Konzerne unsere Daten herumschaufeln und unsere Interessen ausnutzen, um mit Werbung Geld zu verdienen.

Welche sozialen Medien-benutzt ihr am häufigsten?

Jean-Claude: Instagram und Snapchat. Dort kommuniziere ich auch mit meinen Kollegen. WhatsApp benutze ich, um Nachrichten zu schreiben. Und auf Twitter verfolge ich die neuesten News.

Braelyn: Ich benutze alles ausser Facebook.

Nino: Bei mir ist es Instagram, auch in einem politischen Kontext. Und es ist wirklich nicht nur verschwendete Zeit. Wenn ich meinen Abstimmungszettel poste, schreiben mir Leute, dass sie sich dadurch bei mir informieren konnten. So habe ich auch etwas damit erreicht. Mittlerweile nehmen viele Junge Informationen aus den sozialen Netzwerken auf. Wer liest denn noch eine «Basler Zeitung» oder einen «Tages-Anzeiger»?

Liest jemand von euch noch Zeitungen?

Silvana: Ich lese die «Südostschweiz», den «Schweizer Bauer» oder den «Bündner Bauer». Ich finde es schön, wenn am Mittag die ganze Familie am Tisch sitzt und jeder seine Zeitung und einen Kaffee vor sich hat. Das hat etwas Traditionelles, was ich extrem geniesse.

Ronja: Wir erhalten heute Nachrichten anders als früher. Ich weiss nicht, ob das schlimm ist, aber dass Joe Biden gewählt wurde, habe ich durch ein Meme erfahren. Online besteht ja auch ein Austausch über Themen. Wir kriegen viele verschiedene Meinungen zu einem Thema mit. Aber das ist vielleicht ähnlich, wie wenn zusammen Zeitung gelesen wird.

Was ist das Dümmste, was ihr online schon so gesehen habt?

Silvana: Ich habe mein letztes Handy kaputt gemacht, als ich die Kommentare zur Abstimmung über die Wolfs-Initiative gelesen habe. Darüber wurde ich so sauer, dass ich mein Handy an die Wand geschmissen habe.

Nino Russano (20)  aus Basel präsidiert die Juso  Basel-Stadt und studiert  Geografie und Geschichte.  Er ist bisexuell, single, gerne mit Freundinnen und ­Freunden und in der Natur unterwegs.

Nino Russano (20)  aus Basel präsidiert die Juso Basel-Stadt und studiert Geografie und Geschichte. Er ist bisexuell, single, gerne mit Freundinnen und Freunden und in der Natur unterwegs.

Lebensgefühl

Wie habt ihr das Corona-Jahr 2020 überstanden?

Silvana: So weit okay. Vielleicht sollte es mich mehr beunruhigen, aber es ist jetzt so, und ich ziehe nun halt eine Maske an.

Ronja: Mir gehts auch so. Es ist schon etwas Krasses, aber ich spüre es nicht richtig. Es passieren ständig irgendwelche Katastrophen – mich schockt echt nicht mehr so viel.

Cloé: An mir ging es nicht spurlos vorbei. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was mit unserer Welt und der Generation unserer Grosseltern passiert. Angst habe ich zwar nicht, aber ich frage mich schon, ob zum Beispiel die Globalisierung vielleicht zu schnell ging. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, was vielleicht falsch lief und was wir anders hätten machen können.

Wie schwer fallen euch die Einschränkungen?

Nino: Nicht sehr. Ich kann online studieren und bin dadurch in einer sehr privilegierten Situation. Aber ich sorge mich um die Leute in der Pflege und um die Solidarität zwischen den Generationen. Und ich frage mich, ob die Medien es nicht besser hätten hinkriegen können, den Leuten begreiflich zu machen, was zu tun ist. Ich nehme derzeit eine starke Abstumpfung wahr, auch bei mir selbst.

Silvana: Ich mache mir viele Gedanken über die Wirtschaft, beispielsweise um Kleinunternehmen. Dass jetzt Tanzlokale und Ähnliches geschlossen wurden – das sind Existenzen! Und wir können doch nicht alle in die Kurzarbeit schicken.

Braelyn: Als der Lockdown kam, fand ich das sogar cool. Ich ging alleine spazieren und dachte mir: Endlich passiert mal etwas. Das ist ein bisschen böse, und ich weiss, dass es vielen dabei anders ging.

Seit eurer Geburt gibt es in kurzen Abständen immer wieder grössere Krisen und Katastrophen – gewöhnt man sich da mit der Zeit dran? Oder steigt die Panik?

Jean-Claude: Tatsächlich passiert jedes Jahr etwas, das die Schweiz schockiert: Terroranschläge, Kriege oder die Corona-Pandemie. Wenn so etwas wiederholt passiert, ist es nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal. Aber Corona und der Lockdown waren etwas ganz Neues, da schiebt man schon Panik. Weil es unbekannt ist.

Cloé: Ich tue mich schwer mit all diesen negativen News. Natürlich passieren schlimme Dinge auf der Welt. Aber vielleicht verlieren wir auch den Fokus auf die schönen Dinge. Wir haben auch die Chance, vieles zu bewirken!

Ronja: In meinem Umfeld werden viele gute Sachen aufgebaut; es gibt zum Beispiel Migrantinnen, die sich organisieren, um etwas zu erreichen.

Cloé: Genau, solche Dinge werden viel zu wenig thematisiert.

Dann bleibt ihr trotz allem optimistisch für eure Zukunft?

Braelyn: Wenn man negative Sachen liest, muss man auch den Bezug zu sich selbst finden und abschätzen, wo man etwas ändern kann. Denn man kann oft etwas bewirken. Wenn Medien über das Abholzen des Regenwalds in Brasilien schreiben, bleibt oft unerwähnt, dass auch Schweizer Firmen die so entstehenden Felder kaufen, um Sojabohnen anzubauen. Diese Informationen muss man selber finden. Und da könnte man sich engagieren, zum Beispiel mit einer Initiative oder indem man sein Umfeld aufklärt.

Silvana: Da stimme ich dir zu. Sicher machen die grossen Konzerne viel falsch, aber man muss bei sich anfangen. Dann kauft man eben mal keine Produkte mit Soja aus Brasilien oder Avocados, die ganze Täler ohne Wasser zurücklassen. Stattdessen lieber einheimische Produkte wie Äpfel oder Birnen  – bei uns wachsen schliesslich auch viele gute Sachen.

Cloé Maria  Salzgeber (19)  aus Nürensdorf ZH studiert  Journalismus an der ZHAW,  sie ist hetero und in einer  Beziehung. Cloé moderiert  gerne, treibt viel Sport und  verbringt oft Zeit in ihrer  Walliser Heimat.

Cloé Maria Salzgeber (19)  aus Nürensdorf ZH studiert Journalismus an der ZHAW, sie ist hetero und in einer Beziehung. Cloé moderiert gerne, treibt viel Sport und verbringt oft Zeit in ihrer Walliser Heimat.

Nino: Nicht alle Menschen haben die Möglichkeit, biologisch nachhaltige Produkte zu kaufen. Die 100 grössten Konzerne sind für 71 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich, da muss man ansetzen. Ich finde es falsch, Leute anzuprangern, weil sie Avocados kaufen.

Silvana: Warum nicht? Ich komme aus der Landwirtschaft. Regionale Produkte sind nicht so teuer. Dann muss man vielleicht etwas weniger Geld für Kleider ausgeben.

Nino: Sag das einer alleinerziehenden Mutter, die über die Runden kommen muss oder Sozialhilfe bezieht. Irgendwo kommt man an seine Grenzen.

Also seid ihr jetzt optimistisch oder nicht?

Nino: Bei mir ist es, glaube ich, Zweckoptimismus. Mir bereiten viele Entwicklungen Sorgen, aber ich habe den Glauben, dass sich das zum Positiven wenden lässt. Wenn ich sehe, was die Klimabewegung für eine Dynamik in die Gesellschaft gebracht hat, gibt mir das Hoffnung. Die soziale Ungleichheit ist nicht unveränderlich. Ausserdem: Wenn ich davon ausgehe, dass eh alles schlechter wird, muss ich ja gar nicht weitermachen.

Ronja: Unsere Generation ist schon irgendwie zum Optimismus gezwungen.

Silvana: Besonders was die Kinder angeht. Es kommen immer wieder neue Generationen, die neue Ideen haben und etwas verändern wollen – das macht Hoffnung.

Ronja: Und ist auch eine grosse Motivation: eine Welt aufzubauen, in der die Menschen Kinder haben möchten.

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