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Gefängnisdirektorin Ines Follador

«Wir wollen keinen Einzigen wiedersehen»

Seit einem Jahr ist in Cazis GR das modernste Gefängnis der Schweiz in Betrieb. Direktorin Ines Follador über den Wohnkomfort hinter Gittern, Förster als Quereinsteiger und Insassen, die ihre Kinder nicht umarmen können.

Text Manuela Enggist
Fotos Nicola Pitaro
Für Direktorin Ines Follador und ihre Mitarbeitenden ist die Nähe und Distanz zu den Insassen ein riesiges Thema.

Für Direktorin Ines Follador und ihre Mitarbeitenden ist die Nähe und Distanz zu den Insassen der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez ein zentrales Thema.

Gelber Boden, helle Holzmöbel. Reduzierter Wohnkomfort auf zwölf Quadratmetern. Der Blick aus dem Fenster eröffnet die Sicht auf die schneebedeckten Berggipfel des Domleschgs  und des Heinzenbergs. Die Rede ist nicht von einer neuen, angesagten Jugendherberge, sondern von der Justizvollzugsanstalt (JVA) Cazis Tignez in Cazis GR. Das modernste Gefängnis der Schweiz. Ein Neubau, der 119 Millionen Franken gekostet hat, Platz für 152 Insassen bietet und seit einem Jahr in Betrieb ist. Nur einen Steinwurf entfernt schlängelt sich die A 13, die Ferienreisende gen Süden bringt, durchs Tal. 

Ines E. Follador-Breitenmoser, eine zierliche Frau im tailliertem Blazer, ist die Direktorin. Sie sitzt in ihrem Büro im Erdgeschoss. Die Bilder an den Wänden seien die gleichen, die auch im Sennhof hingen – das über 200 Jahre alte Gefängnis in der Churer Altstadt wurde von der neuen JVA abgelöst. Schon dort sass Follador neun Jahre auf dem Chefposten. Die persönlichsten Gegenstände in ihrem Büro seien die beiden Souvenirs, sagt die 60-Jährige und zeigt auf zwei kleine Holzfiguren, die kaum dicker als ein Daumen sind. Es sind Andenken aus ihrer Zeit in Texas, wo sie 1999 und 2000 mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn während 13 Monaten lebte. Die Ostschweizerin mag es nüchtern, ohne Schnickschnack: «Ich muss mir in meinem Büro keine Wohlfühloase einrichten.»

Ines Follador, wie schön darf ein Gefängnis sein?
Wer denkt, ein Gefängnis sollte ein kalter, toter Ort sein, der muss zwei Dinge bedenken: zum einen die lange Dauer der Strafe, die einige Insassen absitzen müssen; zum anderen, dass dies auch der Arbeitsplatz von 130 Mitarbeitern ist. Wenn wir uns wohlfühlen, arbeiten wir besser. Das ist überall so. Zudem zitiere ich gern Dieter Jüngling, den Architekten des Gebäudes, der sagte: Ich hatte 119 Millionen zur Verfügung. Hätte ich absichtlich etwas Hässliches bauen sollen, bloss weil es sich um ein Gefängnis handelt? 

Kuscheljustiz und die zu starke Fokussierung auf den Täter sind nicht erst seit dem «Fall Carlos» häufig gehörte Vorwürfe. Geht es Ihnen nicht auf die Nerven, den Schweizer Justizvollzug immer wieder verteidigen zu müssen?
Nein, überhaupt nicht. Ich verweise gerne auf unseren Auftrag, der im Strafgesetzbuch festgehalten ist: die Resozialisierung. Die Strafe ist der Freiheitsentzug. Die Dauer wird vom Gericht festgelegt. Somit werden die Verurteilten um ihr grösstes Gut gebracht: ihre Freiheit. Wir haben nicht die Aufgabe, in der Strafe mit weiteren Strafen, wie beispielsweise mit dunklen, beengenden Räumen, erneut zu sanktionieren. Wie heisst es so schön: Jeder hier drin kann später unser Nachbar sein. Und ein Nachbar, der nicht mit Hass auf die Institutionen durchtränkt ist, ist ein angenehmerer Zeitgenosse.

Da hilft ein moderner, heller Bau ohne zu viel Gefängnis-Groove?
Absolut. Es gibt einem ein ganz anderes Gefühl als in der alten Anstalt. Den Mitarbeitern, aber auch den Insassen. Wir haben hier mehr Platz. Das gibt Raum zum Atmen. Wenn man auf dem Basketballfeld steht, fühlt sich dies fast schon an wie auf einem Pausenplatz. Auch die Gegend hilft. Die Insassen sehen die Bäume, Gipfel, Natur. Sie können die Jahreszeiten mitverfolgen. Solche Dinge motivieren sie, während ihrer Zeit hinter Gittern an sich zu arbeiten.

 

Vorzeigeprojekt: Strafanstalt in Cazis Tignez

Sie waren bei der Planungsphase beteiligt. Konnten Sie beim Entwurf mitsprechen?
Ein wenig. Der Architekt hat sich sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie es ist, über Jahre eingesperrt zu sein. Natürlich sind Gitterstäbe vor den Zellenfenster angebracht, aber die Insassen können das Fenster selber öffnen. Wir vom Justizvollzug hätten interveniert, wenn das nicht geplant gewesen wäre. Ein Hauch frischer Luft im Zimmer ist wichtig.

152 männliche Insassen leben hinter der sieben Meter hohen Mauer, die das Gefängnis umgibt. Mörder, Totschläger, Vergewaltiger. Im Durchschnitt werden 50 Prozent der Plätze vom Kanton Zürich beansprucht. Das Leben hinter Gittern ist monoton. Um 6 Uhr ist Tagwache mit der Vitalkontrolle. Die Betreuer sehen nach, ob alle Insassen noch leben. Danach Frühstück, Arbeit, Mittagessen. Am Nachmittag wieder Arbeit. Dann folgt das Abendessen. Danach gibt es die Möglichkeit zur sportlichen Betätigung, zum Duschen und zum Spielen im Aufenthaltsraum. Um 19.45 schliessen die Betreuer die Zellen. Wer einen Fernseher im Zimmer möchte, bezahlt dafür 24 Franken pro Monat. Für einen Computer ohne Internetanschluss, dafür mit Word- und Excel-Programm  müssen 15 Franken ausgegeben werden. Der Tageslohn der Insassen liegt zwischen 16 und 35 Franken, je nach Dauer des Aufenthalts und Einsatzes. Pro Woche darf jeder Insasse für eine Stunde Besuch empfangen. 

Wie macht sich die Covid-19-Pandemie im Gefängnis bemerkbar?
Leider beschneidet das Virus auch unseren Alltag hier drinnen massiv. Seit dem Lockdown im März haben die Insassen ihre Besucher nur noch durch eine Plexiglasscheibe gesehen. Die Gefahr, dass das Virus von aussen hereinkommt, ist einfach zu gross. Es gibt also Väter, die ihre Kinder seit fast einem Jahr nicht mehr umarmen konnten. 

Wie gehen die Insassen damit um?
Sie akzeptieren die Massnahmen, auch wenn sie diese als sehr hart empfinden. Es hilft ihnen zu wissen, dass auch wir draussen eingeschränkt sind. Im ersten Lockdown haben sie oft gefragt, ob es denn stimme, dass die Restaurants geschlossen sind. Bis jetzt funktionieren unsere strengen Regeln. Wir hatten noch keinen einzigen Fall hier drinnen. Weder bei Mitarbeitern noch bei Insassen. Weil wir so sehr darauf achten, dass niemand das Virus einschleppt, müssen die Insassen drinnen keine Masken tragen, und sie können auch immer noch miteinander essen.

Sie haben für die Eröffnung der JVA Cazis Tignez 80 neue Mitarbeiter eingearbeitet. Viele davon sind Quereinsteiger. Wie gehen diese damit um, dass sie nun mit Mördern, Vergewaltigern und Pädophilen arbeiten?
Es ist grundsätzlich eine grosse Umstellung für jeden Einzelnen. Wir haben unter anderem ehemalige Förster und Metzger, die sich früher mit Bäumen und Würsten beschäftigt haben. Heute ist der Mensch ihr Hauptaufgabenbereich. Ein Mensch, der Schlimmes getan hat.

Zur Person

Von der Klubschule Migros ins Gefängnis

Ines E. Follador-Breitenmoser, die in Gossau SG aufgewachsen ist und wegen ihres Mannes ins Bündnerland zog, arbeitet 1983 noch als Telefonistin. Mit 30 holt sie die Erwachsenenmatur nach. Ihr Sohn Rainer ist da sechs Jahre alt. Danach beginnt sie ein Studium an der deutschen Universität Hagen, erwirbt sich einen Magister in Literaturwissenschaften, Psychologie und ­Pädagogik. Nebenbei unterrichtet sie Deutsch an der Klubschule Migros in Chur und übernimmt dort im Jahr 2000 die pädagogische Leitung. Seit 2011 übernahm sie als erste Frau in der Schweiz die Leitung eines Männergefängnisses. 

Wie nahe darf man die Insassen an sich heranlassen?
Nähe und Distanz sind ein riesiges Thema bei uns. Ein kollegiales Verhältnis darf es unter keinen Umständen geben. Manch einer der Insassen hat schon jahrzehntelange Justizerfahrung. Es besteht immer die Gefahr, dass sie sich das Vertrauen durch Schmeicheleien erschleichen wollen. Ich sage mir und meinen Mitarbeitern immer: Ein Quäntchen Misstrauen muss man sich stets bewahren.  

Aber manche Schicksale gehen einem bestimmt nahe?
Ja, das ist schon so. Suizide im Gefängnis sind beispielsweise etwas sehr Schwieriges. Es ist leider sowohl im Sennhof als auch hier schon dazu gekommen, dass sich Insassen das Leben genommen haben. Wir haben hier eine erhöhte Fürsorgepflicht. Aber letztlich ist es trotz guter Beobachtung schwer zu erkennen, was wirklich in einem Menschen vorgeht. 

Beschäftigen Sie solche Vorfälle auch zu Hause noch? 
Es gibt ab und an Fälle oder Schicksale, die ich mit meinem Mann zu Hause bespreche. Das hilft mir, Distanz zu gewinnen. Ich bin aber grundsätzlich ein Mensch, der gut abschalten kann. Es ist auch nicht so, dass ich die Gegend rund um das Gefängnis in der Freizeit meide. Ich gehe durchaus auch mal am Heinzenberg wandern.

Wie kommt man von der Klubschul- zur Gefängnisleitung?
Ich stand vor der Frage, ob ich bis zu meiner Pensionierung nochmals in einem ganz anderen Feld durchstarten will. Als ich 2011 das Stelleninserat sah, dachte ich mir, dass ich auch da mit Menschen und mit viel Organisatorischem zu tun haben werde. Genau wie bei der Klubschule. 

Sie bewarben sich ohne Vorkenntnisse im Strafvollzug?
Genau. Als Quereinsteigerin. Ich wusste wohl, dass es Mauern um ein Gefängnis gibt. Aber das war es auch schon. Mir hat aber das Wissen aus meinem Psychologiestudium viel geholfen. Wie funktionieren Gruppen, und welche Dynamiken können sich entwickeln. 

Sie waren zu dieser Zeit in der deutschsprachigen Schweiz die erste Direktorin einer JVA. War das Frausein ein Thema?
Das Umfeld hat sich schnell an mich als eine Frau gewöhnt. Jeder Mitarbeiter, egal auf welcher Stufe er steht, wird von den Insassen geprüft. Die Hierarchie spielt in Gefängnissen eine grössere Rolle als das Geschlecht. Egal, ob Mann oder Frau, die Insassen wollen herausfinden, wie weit sie gehen können. Bei mir haben sie schnell gemerkt, dass es nichts bringt, wenn sie für irgendwelche Wünsche 100 Unterschriften sammeln. Ich nehme das zur Kenntnis, ich handle aber deswegen nicht. Dafür kann jeder Insasse ein Gespräch mit mir verlangen, und dann höre ich mir sein Anliegen an. 

Was sind dies für Wünsche?
Sie variieren stark. Manchmal sind es Essenswünsche. Mehr Hackfleisch oder mehr Salat auf dem Speiseplan. Manchmal will ein Insasse auch ein Buch für die Bibliothek, das wir nicht haben. Oder es sind speziellere, persönlichere Wünsche, die wir deliktbezogen beurteilen. Einem verurteilen Raser gestatten wir beispielsweise nicht, dass er sich Tuning-Magazine ins Gefängnis bestellt.

Die Direktoren der JVAs haben einen relativ grossen Handlungsspielraum. Gibt es eine Handschrift Follador?
Ich lege viel Wert auf Menschlichkeit, aber auch auf Konsequenz und denke nicht, dass ein überstrenger Justizvollzug, der den Menschen aus den Augen verliert, gewinnbringend ist. Lernen können wir nur durch Einsicht. Also fragen wir uns in unserem Alltag mit den Insassen stets, wie wir sie zu Einsichten animieren können. Schliesslich wollen wir wirklich keinen einzigen von ihnen hier wiedersehen.

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