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Selbstoptimierung

«Etwas mehr Exzess würde uns guttun»

Schneller, schöner, gesünder, besser: Vor lauter Selbstoptimierung ­riskieren wir, unsere Menschlichkeit zu verlieren, warnt Marian ­Donner. Die niederländische Autorin über unberechtigte Schuldgefühle, ­problematische Selbsthilfebücher und die Vorteile des Rauschs.

Text Ralf Kaminski
Fotos Valentina Voss
Marian Donner (46) studierte Psychologie und arbeitete einige Zeit in der Politik und bei NGOs. Heute schreibt die Niederländerin Bücher, Essays und Kolumnen

Marian Donner raucht, trinkt und liebt es, nichts zu tun. 

Marian Donner, was haben Sie gegen gesundheitsbewusste Menschen, die ihren Körper stählen oder sich selbst und ihr Leben verbessern möchten? Das ist doch etwas Gutes.

Wenn man das ganz für sich allein macht, ist es okay. Nur ist damit eben ein grosses Versprechen verbunden: Wer gesund und sportlich lebt und sich stets redlich bemüht, sich zu verbessern, wird ein längeres, besseres und erfolgreicheres Leben führen. Doch für viele erfüllt sich dieses Versprechen nicht: Sie bemühen sich und bemühen sich, aber ihr Leben wird weder besser noch erfolgreicher. Und sie geben sich dann die Schuld dafür und schämen sich, denn laut dem heutigen Zeitgeist kann man mit harter Arbeit alles erreichen.

Und das kann man nicht?

Die meisten erfolgreichen Menschen haben hart gearbeitet – aber fast alle hatten eben auch Glück oder waren zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das jedoch wird ausgeblendet. Stattdessen wird die Vorstellung propagiert, dass jeder allein seines Glückes Schmied ist, dass alle anderen Faktoren keine Rolle spielen. Doch das tun sie. Wer wenig Geld hat und drei Jobs machen muss, um sich gerade so über Wasser zu halten, dem werden auch Fitness, Yoga und Achtsamkeitskurse nicht helfen. Und er wird den Grund für seine Misere am falschen Ort suchen.

Autorin und Journalistin

Marian Donner (46) studierte Psychologie und arbeitete einige Zeit in der Politik und bei NGOs. Heute schreibt die Niederländerin Bücher, Essays und Kolumnen; bis im vergangenen Jahr arbeitete sie auch an der Rezeption eines Escort-Services, um den Lohn noch etwas aufzubessern. Sie lebt mit ihrem Partner und ihrem Sohn in Amsterdam (NL).

Buchtipp: Marian Donner «Das kleine Buch der Selbstverwüstung. Warum wir mehr stinken, trinken, bluten, brennen und tanzen sollten», Ullstein 2020, auch bei exlibris.ch verfügbar

Viele fühlen sich also nicht nur schlechter, als sie müssten, sondern auch noch aus den falschen Gründen?

Genau. Nicht zuletzt wegen der mantraartig verbreiteten Botschaften «du bist selbst verantwortlich für dein Schicksal» und «Erfolg ist planbar». Wer keinen hat, hat also nur schlecht geplant. Und fühlt sich schuldig, nicht das Beste aus seinem Leben zu machen. Das alles hat fast schon religiöse Züge, denn Schuld und Scham sind wichtige Elemente beim Glauben. Sie halten einen klein.

Wer ist denn schuld?

Unser neoliberales Wirtschaftssystem. Darauf gehen diese Leitgedanken zurück. Und es verlangt immer mehr von uns, immer härtere Arbeit, immer roboterhafteres Verhalten. Wir sollen zur allerschönsten, allerbeliebtesten, allerschlauesten Version unserer selbst werden, um im Konkurrenzkampf mit den anderen zu bestehen. Damit wir uns – wie ein Produkt – auf dem Markt gut verkaufen können, sei es nun bei Tinder oder LinkedIn.

Wo überall beeinflusst uns dieses Denken?

Bei unserem Aussehen, unserer Gesundheit, der Partnersuche, im Beruf, selbst beim Kampf gegen den Klimawandel ...

Wie das denn?

Die Hauptbotschaft ist doch, dass eine Verbesserung des Klimas bei mir selbst beginnt, bei meinem Verhalten als Konsumentin. Nur wenn ich nicht fliege und keine Plastiktüten verwende und kein Fleisch esse, hat das Klima eine Chance. Schuld und Scham auch hier. Entweder fühlt man sich selbst schuldig oder versucht, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Was, du fliegst noch? Dabei hilft es kein bisschen, wenn ich ab morgen nicht mehr fliege, weil es eben primär ein strukturelles Problem ist und kein persönliches.

Aber wenn sich richtig viele an all das halten würden, hätte es doch auch eine Wirkung.

Da bin ich mir gar nicht so sicher. Denn den Hauptschaden richten letztlich die Grosskonzerne an, die aus Profitgründen Umwelt und Klima ruinieren. Für den Einzelnen ist es fast unmöglich, immer «das Richtige» zu tun, selbst wenn er sich noch so bemüht. Nur schon durch die Nutzung von so etwas Alltäglichem wie einem Smartphone, ist man mitverantwortlich für die Ausbeutung von Kindersklaven, die die dafür notwendigen Rohstoffe im Kongo aus einer Mine geholt haben. Fast alles, was wir nutzen, wird auf problematische Weise hergestellt. Es ist ein systemisches Problem – und davon wird sehr effektiv abgelenkt mit dieser Idee der Selbstverantwortung.

Können wir mit einer Verhaltensänderung nicht auch Grosskonzerne zu einem Wandel zwingen?

Bis zu einem gewissen Grad vielleicht. Aber das Perfide ist doch, dass uns von einem destruktiven System eingeredet wird, wir seien das Problem, wir müssten uns ändern. Umso mehr als viele von uns damit überfordert sind. Nur ein radikaler Lebensstilwandel der Menschheit und ein Umbau unseres Wirtschaftssystems würden tatsächlich etwas bewirken. Ein Anfang wäre aber schon, sich der Schuld und der Scham zu verweigern, wenn die Selbstoptimierung nicht klappt – oder diese gar nicht erst zu versuchen. Das setzt eine Menge Zeit und Energie frei, die man anderweitig nutzen kann.

Zum Beispiel?

Es gibt einem vielleicht die Musse zu erkennen, wo die eigentlichen Probleme liegen. Man könnte sich dann politisch engagieren, sich einer Aktivistengruppe anschliessen – oder ein Buch schreiben (lacht). In jedem Fall gibt es einem die Chance, seine Energien nach aussen zu wenden statt sich obsessiv mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu beschäftigen. Oder sich im Job ein Burnout einzufangen. Wie wir damit umgehen, ist ohnehin schlimm.

Weshalb?

Weil das Ziel, sich vom Burnout zu erholen, nicht darin besteht, die dahinter liegenden Ursachen zu beseitigen. Also die stets steigenden Ansprüche im Job, den harten Konkurrenzkampf, das ewige Hamsterrad. Nein, es geht lediglich darum, wieder fit genug zu werden, um brav weiter als Rädchen im System zu funktionieren. Gesünder essen, mehr Sport treiben, Yoga machen – das tut ohne Zweifel gut und reduziert Stress. Aber es hilft nicht, wenn man anschliessend dort weitermachen muss, wo man vor dem Burnout war. Und viele haben oft gar keine andere Wahl, als genau das zu tun. Denn sie müssen ja Geld verdienen, um sich eine schöne Wohnung leisten und ihre Familie ernähren zu können. Bis zum nächsten Burnout.

Aus dem gleichen Grund mögen Sie auch keine Selbsthilfebücher?

Richtig. Mal abgesehen davon, dass es darunter unglaublich viel unnützen Schrott hat, tragen sie bestenfalls dazu bei, Schmerz, Wut und Unerträgliches besser zu ertragen, damit die Leute brav weiter das tun, was halt getan werden muss. Sie helfen also nicht dem Leser, sondern der Aufrechthaltung des heutigen zerstörerischen Systems. Denn ihre Botschaft ist: Du bist das Problem, du musst dich verändern, damit dein Leben besser wird.

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Im Ihrem neuesten Buch plädieren Sie stattdessen für mehr Rausch und Exzess – das würde helfen?

Natürlich nicht pausenlos, aber etwas mehr Exzess würde uns gut tun, als Gegengewicht zum durchgetakteten, verplanten Alltag. Es würde uns mehr Raum geben für Träume, Kreativität, Seltsamkeit, Unberechenbarkeit, Leben im Moment – alles wichtige Bestandteile eines guten, erfüllten Daseins, die sich viele Leute versagen. Aber klar, wer es übertreibt und mit einem Kater aufwacht, hat sofort wieder diese Schuldgefühle. Statt sich zu sagen: Okay, dieser Tag ist wohl verloren, aber dafür hatte ich eine richtig, richtig tolle Nacht, in der ich mich frei fühlte – auch wenn ich mich nicht mehr genau an alles erinnern kann ... (lacht

Sie fürchten, dass wir unsere Menschlichkeit verlieren, wenn wir keinen Kurswechsel vollziehen. Was genau steht auf dem Spiel?

Unsere chaotische, irrationale, schattenhafte Seite, unsere emotionale Tiefe. Stattdessen werden wir jenen Robotern immer ähnlicher, von denen viele Leute befürchten, dass sie uns dereinst ablösen werden: saubere, gut geölte Maschinen, die immer funktionieren und brav tun, was man ihnen aufträgt. Aber so sind wir Menschen nicht, wir sind dreckig, unordentlich, widersprüchlich, sterblich. Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus sagte mal, der Sinn des menschlichen Lebens bestehe darin, sich mit der Unvermeidbarkeit des Todes auseinanderzusetzen. Heute unternehmen wir alles, um Alter und Tod zu verdrängen oder gar zu besiegen.

Man könnte sich dem System verweigern ...

Vor 30, 40 Jahren konnte man als Künstlerin, Sänger, Dichterin oder Hippie in unseren Stadtzentren durchaus gut existieren – das ist vorbei. Das Leben in unserem Teil der Welt ist so teuer geworden, dass es ohne eine gewisse Menge Geld nicht geht. Und die bekommt man nur innerhalb des Systems. Echte Freiheit vom System können sich nur die leisten, die im System so reich geworden sind, dass sie machen können, was sie wollen. Aussenseiter hingegen sind immer akut absturzgefährdet. Wer sich Freiheit nicht erkaufen kann, muss sich mit dem System arrangieren.

Auf der anderen Seite hat unser Wirtschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von Menschen aus der Armut geholt, besonders in Asien. Das ist doch auch etwas.

Aber Erfindungen und medizinische Fortschritte haben dazu mindestens ebenso viel beigetragen. Und beides oft dank staatlich finanzierter Forschung. Sicherlich gab es auch dank des Wirtschaftssystems positive Effekte, aber inzwischen ist es zu sehr aus dem Gleichgewicht geraten. An vielen Orten nimmt die Zahl der Armen und Hungrigen wieder zu, erst recht jetzt durch die Coronakrise.

Viele Menschen, die mit dem aktuellen System unzufrieden sind, wenden sich rechtspopulistischen Parteien zu. Sie sehen die Lösung eher auf der anderen Seite. Warum gelingt es linken Parteien nicht, diesen Unmut zu nutzen?

Rechtspopulisten sind wahnsinnig gut darin, einfache Lösungen für komplexe Probleme vorzugaukeln. Die Hauptschuld liegt aber bei der Linken selbst, die diese Themen nicht sinnvoll und systematisch bewirtschaftet. Da liegt ein enormes Potenzial brach, was wohl auch daran liegt, dass selbst viele Linke das Wirtschaftssystem nicht mehr grundsätzlich hinterfragen.

Was kann der Einzelne tun, um sich dem Zeitgeist zu entziehen und etwas zu ändern?

Auch ich habe leider kein Patentrezept. Es fängt damit an, zu verstehen, dass man selbst nicht das Problem ist. Allein jedoch kann man vielleicht punktuell Bewusstsein schaffen, aber nicht viel ändern – das schafft man nur mit vielen anderen gemeinsam. Wie das etwa die Klimajugend derzeit versucht. Man braucht eine politische Bewegung, die sich für Reformen einsetzt. Wir dürfen nicht mehr nur Konsumenten sein, sondern müssen wieder zu Bürgern werden, die auf ihre Rechte pochen. Aber nur schon das System nicht weiter zu füttern, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wie setzen Sie diese Ideen in Ihrem Leben um? Während unseres gut einstündigen Video-Calls haben Sie sich drei Zigaretten angezündet ...

(lacht) Ja, das ist einer der vielen Bereiche, in dem ich auf Selbstoptimierung verzichte. Vermutlich hätte ich auch mehr erreichen und mehr Geld verdienen können, wenn ich härter gearbeitet hätte. Aber das will ich gar nicht, weil ich sehr faul bin und es liebe, nichts zu tun – oder meine Zeit mit guten Büchern und Filmen zu verbringen. Ich muss nicht mehr Geld besitzen, als ich brauche. Das Entscheidende jedoch ist: Ich fühle mich weder schuldig, noch schäme ich mich für diese Dinge.

Betreiben Sie gar keine Form der Selbstoptimierung?

Ich esse wenig Fleisch, vermeide Plastik und fliege nie, weil ich mir Ferien gar nicht leisten kann. Da ich aber nicht gestresst bin, brauche ich die auch nicht. Doch auch wenn ich in diesem Bereich versuche, «das Richtige» zu tun, ist mir bewusst, dass ich damit nicht die Welt rette. Mit meinem Buch sicher auch nicht – aber vielleicht gibt es ein paar nützliche Denkanstösse.

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