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Wilde Reise

Neues Leben für ägyptische Mumie in der Schweiz

Sie sind über 2500 Jahre alt, wurden aus Ägypten gestohlen und lange schlecht gelagert: Nun sollen die Überreste von Ta-Scherit-en-Imen nach aufwendiger Analyse und Restaurierung ihr endgültiges Zuhause in St. Gallen finden.

Text Alain Portner
Fotos Patrice Schreyer, Guillaume Perret
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Filigrane Arbeit: Die Analyse und Restauration der Mumie wird drei Jahre dauern.

Der Aufzug fährt ins Innere der Haute École Arc de Neuchâtel. Auf Ebene –2 öffnet sich die Lifttür zu einem langen, kalten, grauen Korridor, der von einer Reihe von Neonröhren beleuchtet wird. Professor Valentin Boissonnas bleibt vor einer Metalltür stehen. Der Schlüssel dreht sich leise im Schloss. Er drückt einen Schalter. Der klimatisierte Raum wird beleuchtet. «Da ist die Mumie, da ist Ta-Scherit-en-Imen!»

Zum Vorschein kommt ein Sarkophag. Er liegt in einer grossen Holzkiste unter einem Glasdeckel. Die Augen der Mumie, die mit Kajalstrich umrandet sind, fallen sofort auf und überschatten für einen Moment den bedauernswerten Zustand des fast 3000 Jahre alten Pappsarges. Denn der hat im Laufe der Zeit und durch mehrere Umzüge sein schön buntes Aussehen verloren. 

Die Restauratoren heben die Mumie von Ta-Scherit-en-Imen aus ihrem Sarg.

Die Wissenschafter heben den Sarkophag behutsam aus seiner Transportkiste. 

Valentin Boissonnas hat den kulturellen Wert des Sarkophags erkannt und ein ehrgeiziges Forschungsprojekt in die Wege geleitet, das 2021 in die Umsetzungsphase eintritt. «Unser Ziel ist es, die Überreste zu sichern und zu bewahren. Indem wir diese Mumie studieren, gehen wir in der Zeit zurück, Schicht für Schicht. Wir versuchen ihre Geschichte besser zu verstehen, vor und nach ihrer Einbalsamierung.»

Die Tochter von Amun

Dank der Inschriften auf dem Sarkophag und der Carbon-14-Datierung – einer Kohlenstoffanalyse, die vor etwa 15 Jahren an einem Stück Stoff durchgeführt wurde –, ist bekannt, dass die Mumie aus der Zeit zwischen 800 und 520 vor Christus stammt. Sie ist weiblich und trug den Namen Ta-Scherit-en-Imen. Gemeint ist die Tochter des Gottes Amun.

«Es ist ein ungewöhnlicher Name. Möglicherweise war sie in einem Tempel angestellt, aber das ist nur eine Hypothese», sagt Professor Boissonnas. Auf jeden Fall muss sie eine Person von hohem sozialem Rang gewesen sein. Drauf deutet auch ihr mit Blattgold veredeltes Gesicht hin. Und der Stil der Dekorationen auf ihrem Sarg legt nahe, dass sie in der Nähe von Theben, der Hauptstadt des alten Ägyptens, gelebt hatte.

Der Sammler Zanoli

Lange nach Einbalsamierung und Grablegung wurde der Sarkophag wahrscheinlich von Grabräubern entwendet. Das war in Ägypten gerade im 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches. Die Mumie landete auf einem Markt in Kairo. Da erwarb sie 1887 wahrscheinlich Zaccharia-Zanoli, ein italienischer Hotelbesitzer, für ein paar ägyptische Pfund.

Er nahm das sperrige «Souvenir» mit zurück nach Brissago TI, wo er es in seine persönliche Sammlung aufnahm. Anfang des 20. Jahrhunderts schnitt er, von Neugierde gepackt, den Sarkophag auf, um zu sehen, was sich darin befand. 

Mit Hilfe von Analysen soll die Geschichte der Frau möglichst genau rekonstruiert werden.

Der Sarkophag hat über die Jahrtausende an Farbenpracht verloren.

Die Füsse verloren

1912 schenkte Zanoli der Gemeinde Brissago alle Kuriositäten, die er auf seinen Reisen erworben hatte. Mit der Absicht, ein Museum einzurichten. Die Mumie wurde denn auch eine Weile ausgestellt. Nach Schliessung des Museums brachte man sie in ein behelfsmässiges Lager. Bei diesem Umzug gingen wohl ihre Füsse verloren.

Im Lager geriet sie schliesslich in Vergessenheit, bis die Gemeinde sie wiederentdeckte und Kontakt mit einer Restaurierungswerkstatt in Zürich aufnahm. Diese sollte das Stück wieder im alten Glanz erstrahlen lassen. Doch der Aufwand für die Restaurierung war der Gemeinde am Lago Maggiore zu teuer. Und da sich Schweizer Museen weigerten, das archäologische Objekt im jetzigen Zustand zu beherbergen, lancierte Boissonnas das Forschungsprojekt.

Mit 3-D-Gesicht

Nun wartet die Mumie Ta-Scherit-en-Imen in einem Lagerraum sechs Meter unter der Erde, nur einen Steinwurf vom Bahnhof Neuenburg entfernt, darauf, von allen Seiten untersucht zu werden. Man will möglichst viel über sie herausfinden, bevor sie restauriert und langfristig konserviert wird. Am Projekt sind mehrere Partner beteiligt: die Hochschule Arc Neuenburg, die Hochschule der Künste Bern, das Museum für Geschichte und Ethnographie in St. Gallen und das Institut für Evolutionsmedizin der Universität Zürich.

Mit der Analyse von Kohlenstoff aus einem Gewebefragment der Mumie haben Forschende das Alter bestimmt: Das Grab von Ta-Scherit-en-Imen stammt aus dem 9. bis 6. Jahrhundert vor Christus.

Mit der Analyse von Kohlenstoff aus einem Gewebefragment der Mumie haben Forschende das Alter bestimmt: Das Grab von Ta-Scherit-en-Imen stammt aus dem 9. bis 6. Jahrhundert vor Christus.

Gemeinsam werden sie versuchen, die Geschichte der Frau aus der Zeit der Pharaonen mit Analysen von Überresten, Einbalsamierungstechniken, Bandagen und des Pappsargs zu beleuchten. «Diese Untersuchungen werden wertvolle Hinweise auf ihr Alter, den sozialen Status und die Ernährung geben. Und wir werden herausfinden, ob sie Kinder hatte und an welchen Krankheiten sie litt», sagt der Experte. Ihr Gesicht soll zudem in 3-D rekonstruiert werden. 

Partner in Ägypten

Die Analyse- und Restaurierungsarbeiten an der Mumie werden drei Jahre dauern. Die Kosten belaufen sich auf rund 280 000 Franken. Das Bundesamt für Kultur (BAK) unterstützt das Vorhaben mit einem namhaften Betrag. Zudem ist eine Partnerschaft mit Ägypten geplant.

Man wolle sich austauschen und mehr über die Konservierung und Restaurierung von Mumien voneinander lernen, sagt Boissonnas. Derzeit fehlen aber immer noch etwa 150 000 Franken, um das Budget des Forschungsprojekts zu decken.

Letzte Ruhestätte

Wenn sie wiederhergestellt ist, wird Ta-Scherit-en-Imen nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. Ihre letzte Ruhe wird die Mumie im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen finden. Dort bereitet Ägyptologin und Kuratorin Alexandra Küffer eine Sonderausstellung vor. Neben dem Sarkophag und den Fakten dazu soll auch die Erwerbsgeschichte der Mumie sichtbar werden. «Besucherinnen und Besucher sollen erfahren, wie solche Objekte früher nach Europa gekommen sind», erklärt Küffer.

Die Ausstellung soll einen Abstecher nach Brissago machen, an den Ort, wo die Mumie früher ausgestellt war. Und dann wird Ta-Scherit-en-Imen in die Sammlung in St. Gallen aufgenommen. «Es ist uns wichtig, dass Sarg und Mumie in Zukunft einen festen Ausstellungsplatz erhalten», sagt Küffer.

Der Fluch der Mumie

Professor Boissonnas glaubt nicht wirklich an den Fluch der Mumie.

Professor Boissonnas ist sich sicher, dass sich Ta-Scherit-en-Imen in Neuenburg gut aufgehoben weiss.

Hat Professor Boissonnas eigentlich Angst vor dem berühmten Fluch der Mumien? Er lacht. «Nein, nicht wirklich. Zaccharia Zanoli lebte ein langes Leben, und es gab keine Fälle von verdächtigen Todesfällen in seinem Umfeld. Ich denke, wenn sie sprechen könnte, würde Ta-Scherit-en-Imen sagen, wie glücklich sie ist, so gut behandelt zu werden. Wir werden ihr eine zweite Jugend schenken und ihr erlauben, ihre ewige Reise in einem wiederhergestellten Körper fortzusetzen.»

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