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Migros - Ein M besser

Rekrut im Homeoffice

Zu Hause eingerückt

Diese Woche hat für Mischa Schäfer aus Rüschlikon die Rekrutenschule begonnen – in den eigenen vier Wänden. Die Kaserne wäre ihm lieber gewesen. Rekrut Schäfer hat für uns über seinen harzigen Start an der Homefront Tagebuch geführt.

Text Ralf Kaminski
Fotos Christian Schnur
Mischa Schäfer (21) aus Rüschlikon ZH startet seine RS zu Hause

Mischa Schäfer versucht trotz IT-Problemen, seine Theorielektionen in den eigenen vier Wänden abzuarbeiten.

Eigentlich wollte der 21-jährige Mischa Schäfer zu den Grenadieren. «Wenn schon Militär, dann richtig», findet der junge Mann. «Bei denen geht was ab, da macht man Dinge, die man sonst nie tut.» Doch nun ist er bei den Logistikern – und das vorerst auch noch im Homeoffice.

Bei der Logistik landete Schäfer, weil er bei der Rekrutierung eine Fussverletzung hatte und deshalb nur eingeschränkt einsatzfähig war. Und weil ein guter Freund kurz vor ihm schon dort eingeteilt wurde und ihn fragte, ob er sich anschliessen wolle.

Zivildienst statt RS sei keine Option gewesen, sagt Schäfer. «Das wäre der gemütlichere Weg, und ich gehe lieber den härteren. Ich glaube, dass es jedem guttut, so was mal durchzumachen, und sehe es als reizvolle Herausforderung.» Ausserdem habe er von seinem Vater und einigen Kollegen gehört, was für eine tolle Zeit sie in der RS hatten, «das möchte ich auch erleben».

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Die virtuelle RS

Rund 5000 von knapp 12 000 Rekruten starteten vergangene Woche zu Hause in ihre Winter-RS. Erst am 8. Februar rücken auch sie in die Kasernen ein.

Dies sei auch für die Schulkommandanten eine Premiere, sagt Guy Strickler von der Kaserne La Poya in Freiburg, in die Mischa Schäfer einrücken wird. «Allerdings werden Rekruten und Kader schon seit Jahren mit dieser Ausbildungsplattform geschult.» Diese biete einen genauen Überblick über die Zahl der Teilnehmer, ihren Entwicklungsstand bei den Lektionen sowie die erzielten Ergebnisse. Und bei Problemen stehe eine Hotline zur Verfügung.

Die Armee erwartet, dass die Rekruten im Schnitt sechs Stunden pro Tag an ihrem theoretischen Basiswissen arbeiten und vier Stunden Sport pro Woche treiben. «Sobald sie ihren Dienst in Freiburg antreten, wird ihr Wissen und ihre körperliche Fitness überprüft», sagt Strickler. Notfalls werde nachgeschult.

Die Inhalte der Ausbildung sind insgesamt die gleichen, nur das Timing ist anders. Zu Hause liegt der Fokus auf der Theorie.

Kontrollbesuche, um zu ­sehen, ob die Rekruten auch tatsächlich lernten, seien nicht geplant, sagt Strickler. «Wir betrachten sie als verantwortungsbewusste Erwachsene und vertrauen ihnen.» Erfahrungen zeigten, dass dies meist gerechtfertigt sei. «Ausnahmen lassen sich dabei allerdings nicht vermeiden.»

Er wäre am 18. Januar auch lieber gleich in seine Kaserne in Freiburg eingerückt, statt die ersten drei Wochen im Homeoffice zu verbringen. Und das obwohl der begeisterte Kampfsportler sehr auf seine Ernährung achtet und zu Hause natürlich besser kontrollieren kann, was er isst. «Es ist aber jetzt schon klar, dass ich eine Menge Fresspäckli von der Familie kriegen werde.»

Sturmgewehr und Kameradenhilfe

Statt Uniform, Waffe und Gemeinschaftsschlag zu erleben, sitzt er nun also allein in seinem Zimmer am Schreibtisch und soll sich durch theoretische Module arbeiten, etwa über sein Sturmgewehr, die Abwehr von chemischen Kampfstoffen oder Selbst- und Kameradenhilfe. Das Wohnzimmer nebenan dient derweil seiner Mutter als Homeoffice, die eine Stabsstelle an der Fachhochschule ZHAW leitet. Für jeden Tag ist eine Runde Sport eingeplant, ab und zu mit dem Logistik-Kollegen draussen in der Natur oder auf einem Sportplatz.

Mischa Schäfer könnte sich sogar vorstellen, in der Armee weiterzumachen, etwa in Form eines Auslandsjahrs im Kosovo; weniger hingegen, um Offizier zu werden. Für die Zeit danach plant der Single, der vor einem halben Jahr das KV abgeschlossen hat, die Berufsmaturitätsschule und ein Studium, Wirtschaftsrecht oder Recht.

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Zur Auflockerung macht der begeisterte Thai-Boxer jeden Tag etwas Sport.

Sonntag, 17.1., letzter Tag im Zivilleben

«Es ist eigentlich ein Sonntag wie jeder andere – das wäre sicher anders, wenn ich morgen in die Kaserne einrücken könnte. Ein bisschen Vorfreude ist aber schon da. Ich logge mich schon mal ins Lernsystem ein, was problemlos funktioniert. Und ich räume auch ein wenig auf, damit ich dann gut arbeiten kann und nicht abgelenkt werde. Abends koche ich mir Gemüsegnocchi mit einer Käserahmsauce und schaue später auf Netflix ein paar Folgen der Anwaltsserie ‹Suits›.»

Montag, 18.1., Start ins RS-Homeoffice

«Ich bin um 8 Uhr aufgestanden, habe Toast mit Lachs gefrühstückt und will um 8.30 im Lernsystem loslegen, aber es lädt so langsam, dass sich damit nicht arbeiten lässt. Auch nicht auf dem Handy. Da es nicht besser wird, gehe ich erst mal zum Coiffeur, aber danach ist die Site gar nicht mehr erreichbar. So bleibt es bis am Abend – schon etwas speziell. Ich arbeite stattdessen online an einem Innenarchitektur-Lehrgang weiter und mache eine knappe Stunde Sport. Abends bestellen wir Pizzas, und vor dem Schlafengehen gibts nochmals ein paar Folgen ‹Suits›.»

Dienstag, 19.1.

«Auch heute geht leider gar nichts. Ich versuche es immer wieder, aber komme nicht ins System. Auf ein Mail an die Hotline kommt auch keine Antwort. Ich frage mich, ob wir diese verlorenen Tage dann am Schluss noch ranhängen müssen. Immerhin habe ich wieder genügend Zeit für Sport. Als ich es um 22 Uhr nochmals versuche, komme ich plötzlich doch noch rein, bin aber zu müde, um noch gross was zu tun. Immerhin gibt es Hoffnung für den nächsten Tag.»

Mittwoch, 20.1.

«Heute Morgen ist es mir gelungen, ein Info-Video meines Schulkommandanten anzuschauen und ein paar Basisinformationen zu erhalten. Aber als ich in konkrete Aufgaben einsteigen will, kommen nur Fehlermeldungen. Meinem Logistik-Kollegen geht es genauso. Mails bleiben erneut unbeantwortet, im System heisst es nur, es gebe Probleme und man arbeite daran. Mein Kollege und ich absolvieren nachmittags einen ­Vita-Parcours, holen uns Take-out bei einem Türken und versuchen es abends nochmals, aber ohne Erfolg. Ich hoffe, es klappt diese Woche dann doch noch irgendwann.»

Donnerstag, 21.1.

«Auch heute habe ich wieder den ganzen Tag versucht, in die Aufgaben reinzukommen, aber vergeblich. Nach dem üblichen Sportprogramm gehe ich am späteren Nachmittag zu meinem Logistik-Kollegen nach Hause, wir kochen gebratenen Reis mit Gemüse und schauen anschliessend den Film ‹The Gentlemen›. Meinen Laptop habe ich auch dabei und versuche immer wieder mal, ob das System funkioniert, aber es klappt nicht. Zu Hause falle ich müde ins Bett und fürchte, dass es auch am Freitag einfach so weitergeht.»

Freitag, 22.1.

«Ohne grosse Hoffnung versuche ich, um 9.30 Uhr ins System einzusteigen und eine Aufgabe zu starten – und, oh Wunder, es funktioniert! Endlich! Ich hoffe nur, es bleibt nun so. Ich arbeite mich durch Lerneinheiten über den ABC-Schutzanzug und das Sturmgewehr. Interessant: Man muss regelmässig sicherstellen, dass das Sturmgewehr wirklich gesichert ist, in jeder Marschpause, bei jedem Halt. Schräg hingegen ist der erste Satz dieser Lerneinheit: ‹Das Sturmgewehr ist eine gefährliche Waffe.› Ach was? Hätte ich jetzt nicht gedacht... Aber hurra, meine RS hat nun tatsächlich endlich angefangen! Ich bin gespannt, wie es weitergeht.»

So sieht die Grenadier-Ausbildung in der Schweizer Armee zu Corona-Zeiten aus.

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