Navigation

Migros - Ein M besser

Nachhaltig sein:

Wir reden nicht nur drüber, wir machen es. Mehr erfahren!

In Weissrussland gefangen

Zwischen Hoffen und Bangen

Seit fünf Monaten sitzt Robert Stähelis Partnerin Natallia Hersche in Weissrussland aus nichtigem Anlass im Gefängnis. Die Kommunikation ist schwierig, die Hilflosigkeit gross. Demnächst wird ihr Fall vor Gericht neu verhandelt. Wie Stäheli das alles aushält.

Text Ralf Kaminski
Fotos Stephan Boesch
IT-Unternehmer Robert Stäheli, dessen Partnerin derzeit in Weissrussland im Gefängnis sitzt

Robert Stäheli sorgt sich um seine Partnerin, die in Weissrussland im Gefängnis sitzt.

Das Urteil war ein Schock: zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen «Widerstands gegen die Polizei». Diesen 7. Dezember 2020 werde er so schnell nicht vergessen, sagt Robert Stäheli. «Es war wie ein Faustschlag.» Er hatte mit höchstens drei Monaten gerechnet. Und schon zuvor hatte er gehofft, dass seine Partnerin Natallia Hersche nach ihrer Festnahme bei einer Demonstration Mitte September in Minsk rasch wieder frei und zurück bei ihm sein würde.

Bis jetzt jedoch wurden seine Hoffnungen immer enttäuscht, entsprechend vorsichtig ist er nun bezüglich des neuen Gerichtsverfahrens am 16. Februar. «Ehrlich gesagt stelle ich mich darauf ein, dass das Urteil der Vorinstanz bestätigt wird. Umso besser, falls es dann doch anders kommt.»

Die Angeklagte bei der Gerichtsverhandlung in Minsk

Natallia Hersche bei der Gerichtsverhandlung im Dezember in Minsk. (Bild: zVg)

Die 51-jährige schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin und der 55-jährige IT-Unternehmer aus dem Kanton St. Gallen hatten sich 2018 über Parship kennen- und lieben gelernt. Natallia Hersche lebte damals schon über zehn Jahre in der Schweiz, zusammen mit ihren beiden Kindern, die heute junge Erwachsene sind. Gekommen war sie, um einen Schweizer zu heiraten, der jedoch einige Jahre nach der Hochzeit starb.

«Zu Beginn war sie ziemlich zurückhaltend, aber schliesslich gelang es mir, den weissrussischen Eisvorhang zu durchdringen», erzählt Stäheli mit einem vergnügten Lachen, wird dann jedoch rasch wieder ernst. «Wir haben uns grossartig verstanden, ich vermisse sie sehr und wünschte, sie wäre schon bald wieder hier.»

Kontakt nur über Briefe und Botschafter

Denn die aktuelle Situation fühle sich ein wenig an wie eine Trennung. «Wir haben zwar nicht zusammengewohnt, aber wir sahen uns drei-, viermal pro Woche, und täglich gab es Whatsapp-Nachrichten und -Fotos. Das grosse Schweigen heute ist nur schwer zu ertragen.»

Derzeit gibt es für Stäheli nur zwei Wege, seine Partnerin zu kontaktieren: per Brief oder über den Schweizer Botschafter in Weissrussland, Claude Altermatt, der Natallia Hersche regelmässig im Gefängnis besucht. «Aber über ihn sind nur oberflächliche kurze Botschaften möglich.» Und ein Brief dauert bis zu einem Monat, manchmal kommt er auch gar nicht an. Zudem muss er auf Russisch abgefasst sein, damit ihn die Gefängniszensur lesen kann. «Ich schreibe immer auf Deutsch, übersetze es dann via DeepL erst auf Englisch, dann auf Russisch.»

Ganz vorn mit dabei: Natallia Hersche an einer Demo in Weissrussland

Ganz vorn mit dabei: Natallia Hersche an einer Demo in Weissrussland. (Bild: zVg)

Aufstand gegen Europas letzten Diktator

Alexander Lukaschenko regiert Weiss­russ­land seit 1994 mit harter Hand. Bereits vor der Präsidentschafts­wahl vom 9. August 2020 begannen die ersten Demonstrationen und entwickelten sich zu den grössten Massen­protesten seit dem Ende der Sowjetunion 1991. Lukaschenkos Wahlsieg gilt als manipuliert, das Ziel der Demonstranten ist sein Sturz. Doch der 66-jährige Präsident will nicht weichen und wird vom Militär und von Russland gestützt.

Proteste in Weissrussland: Erst die Wahl, dann die Gewalt. (Video: Der Spiegel)

Stäheli weiss deshalb nur wenig über die Situation seiner Partnerin, die in ihren Briefen keine Details über die Umstände im Gefängnis berichten darf. «Derzeit ist sie in einem Frauengefängnis in Minsk, mit mehreren anderen weiblichen Gefangenen im gleichen Raum. Zu tun hat sie nichts, ab und zu darf sie einen Spaziergang machen – und Skizzen ihrer Mithäftlinge, Natallia zeichnet gerne.» Ihr Bruder durfte sie einmal besuchen, ansonsten hat nur der Schweizer Botschafter Zugang.

Revolutionäre Euphorie ist abgeklungen 

Von ihm bekommt Stäheli auch regelmässige Einschätzungen, wie es ihr geht. «Offenbar nicht mehr ganz so gut wie zu Beginn der Haft. Die Euphorie des revolutionären Aufbruchs ist etwas abgeklungen, und nun wird es schwieriger.» Als plötzlich gar keine Briefe mehr bei ihr ankamen, trat Hersche sogar kurz in einen Hungerstreik – seither erhält sie ihre Post wieder.

Seine Partnerin habe sich schon zuvor für Politik interessiert, sagt Stäheli, und bereits ihr Vater sei regimekritisch gewesen. «Aber als im Spätsommer die Demonstrationen gegen Lukaschenko in Minsk begannen, war sie wirklich Feuer und Flamme. Sie telefonierte nächtelang mit Freunden vor Ort und war wild entschlossen mitzumachen.»

Ganz unbesorgt war Stäheli darüber schon damals nicht. Aber hätte er geahnt, was passieren würde, hätte er versucht, sie von der Reise nach Weissrussland abzuhalten. Er ist allerdings nicht sicher, ob ihm das gelungen wäre. «Sie kann sehr leidenschaftlich und kompromisslos sein, wenn sie von einer Sache überzeugt ist.»

Natallia Hersche wird bei einer Demo in Minsk verhaftet

Hersche wird von der Polizei bei einer Demo am 19. September 2020 verhaftet. (Bild: zVg)

Die Wochen und Monate nach Hersches Verhaftung waren sehr schwierig für Stäheli. «Einerseits versuchte ich, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihr zu helfen, andererseits war ich völlig fertig und schleppte mich nur noch kraftlos und deprimiert durch den Alltag.» Er erledigte nur das Allernötigste. «Auf die Firma hat sich das zum Glück nicht gross ausgewirkt, weil ich kurz zuvor meine Nachfolge geregelt hatte und meine Geschäftspartner voll einsatzfähig waren.»

Dank der Unterstützung der Menschenrechtsorganisation Libereco in Zürich gelang es Stäheli, auch Medien und Politik zu mobilisieren. Schliesslich setzte sich sogar Aussenminister Ignazio Cassis persönlich bei seinem Amtskollegen in Weissrussland für Hersche ein.

Yoga gegen dunkle Gedanken

Doch bisher hat alles nichts genützt. «Der Tiefpunkt war das Urteil im Dezember.» Und Stäheli war klar: So konnte es nicht weitergehen. Mittlerweile reagierte er selbst auf gute Freunde gereizt, die ihn besorgt nach Natallia fragten – und verwies sie auf Medienberichte oder Blogs, weil er das alles nicht erneut durchleben wollte.

Er realisierte, dass er nun erst selbst wieder auf die Beine kommen und mehr auf sich achten musste. Dabei half ihm, dass er vor zehn Jahren schon einmal durch eine tiefe Krise ging. Mit seiner damaligen Partnerin hatte er in Tübach SG ein schönes Haus gebaut, mit Kinderzimmern und grossen Plänen. Doch daraus wurde nichts. «Die plötzliche Trennung warf mich total aus der Bahn und führte dazu, dass ich mein ganzes Leben neu überdachte.» Seither macht Stäheli regelmässig Yoga, meditiert und weiss, was er braucht, um mit sich selbst im Reinen zu sein.

Robert Stäheli findet mit Hilfe von Yoga seine innere Ruhe in schwierigen Zeiten

Stäheli in seinem Yoga-Raum in Tübach.

Inzwischen geht es ihm wieder besser. «Ich habe die Phasen der Wut und Trauer überwunden und stecke jetzt in der Phase der Akzeptanz. Natürlich versuche ich weiterhin, Natallia zu unterstützen, aber die Lage ist nun mal, wie sie ist.» Dass in Weissrussland in nächster Zeit doch noch ein Regimewechsel stattfinden wird und seine Partnerin dadurch freikommt, bezweifelt er. «Meine Kontakte vor Ort sind allerdings optimistischer als ich.»

Bleibt noch die neue Gerichtsverhandlung diese Woche. Hersche wird von einer guten Verteidigerin vertreten, doch auch deren Möglichkeiten sind begrenzt. «Sie hat Angst, selbst im Gefängnis zu landen, wenn sie
zu forsch vorgeht.»

Und auch falls seine Partnerin wider Erwarten freikäme und in ein paar Tagen zurück in der Schweiz wäre, würde die Beziehung wohl anders weitergehen als bisher – es sei in den letzten Monaten einfach zu viel passiert.

Und was wäre, wenn sie die zweieinhalb Jahre tatsächlich absitzen müsste? Das könne er noch überhaupt nicht abschätzen, sagt Stäheli nachdenklich. Doch trotz all der bisherigen schlechten Erfahrungen hofft er, dass es so weit nicht kommen wird.

Update 18. Februar: Inzwischen hat auch die zweite Instanz geurteilt und das Strafmass der ersten Instanz bestätigt.

Ein Bild aus besseren Tagen: Natallia Hersche und Robert Stäheli

Ein Foto aus besseren Tagen: Natallia Hersche und Robert Stäheli. (Bild: Privat)

Für einen besseren Staat

Auch in einer stabilen Demokratie wie der Schweiz gibt es Verbesserungspotenzial. Genau damit beschäftigt sich staatslabor, eine von Engagement Migros geförderte Plattform, die sich mit den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft auseinandersetzt. staatslabor dient der Vernetzung zwischen Experten, Zivilgesellschaft und Verwaltung, zudem als Ort des Austauschs und als öffentliches Innovationslabor.

Schon gelesen?