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Schule und Corona

«Die Kinder gehen mit der Situation souverän um»

Dagmar Rösler hatte auf landesweit einheitliche Corona-Regeln in den Schulen gehofft, rechnet aber nicht mehr damit. Die Oberste Lehrerin der Schweiz über die Lage nach dem Schulstart, den Umgang mit schwierigen Eltern und positive Nebeneffekte der Pandemie.

Text Ralf Kaminski
An vielen Schulen müssen inzwischen auch kleinere Kinder Masken tragen, womit sich einige Eltern schwer tun. (Bild: Keystone)

An vielen Schulen müssen inzwischen auch kleinere Kinder Masken tragen, womit sich einige Eltern schwer tun. (Bild: Keystone)

Dagmar Rösler, wie viele Schulen mussten dieses Jahr wegen Corona schon schliessen und auf Fernunterricht umstellen?

Bis heute noch keine. (Stand 13.1., Anm. d. Red.) 

Wie sind die Schulen denn ins 2022 gestartet?

Insgesamt ganz okay, trotz aller Unterschiede. Zehn Kantone sind ja schon am 3. Januar gestartet, der Rest eine Woche später. Ein Beispiel: Der Kanton Baselland liess am ersten Tag alle Schülerinnen und Schüler kommen, testete sie, schickte sie wieder nach Hause in den Fernunterricht und liess dann Ende Woche alle negativ getesteten zum Präsenzunterricht zu. Das schlug hohe Wellen, scheint aber recht gut funktioniert zu haben. Es gab eine sehr hohe Anzahl an positiven Pools, was uns in der Ansicht bestätigt hat, dass sich die Tests bewähren. Und in diversen Kantonen gilt nun ab der 1. Klasse Maskenpflicht. Im Kanton St. Gallen hat bereits die Maskenpflicht ab der 4. Primarklasse zu Mahnwachen mit angezündeten Kerzen geführt.

Omikron verbreitet sich derzeit besonders stark unter Kindern und Jugendlichen. Sind die Schulen dabei eine wichtige Ansteckungsquelle?

Sie spielen bestimmt eine Rolle. Aber sie sind bei weitem nicht der einzige Ort, wo sich Kinder und Jugendliche treffen und anstecken können. Und die Schulen bemühen sich sehr, möglichst sicher zu sein.

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(Bild: Marco Zanoni)

Oberste Lehrerin

Dagmar Rösler (50) ist Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und unterrichtet selbst als Primarlehrerin. Sie ist verheiratet, Mutter zweier Töchter im Teenageralter und lebt in Oberdorf SO.

Sie haben sich für landesweit einheitliche Regeln ausgesprochen, doch bisher herrscht ein kantonaler Flickenteppich, der recht chaotisch wirkt. Wie sehr erschwert das den Umgang mit der Pandemie?

Möglichst einheitliche Regeln würden nicht nur ihre Akzeptanz erhöhen, sie würden es erleichtern zu verstehen, was tatsächlich wirksam ist und was nicht. Inzwischen rechne ich aber nicht mehr mit einer einheitlichen Lösung, denn dafür müsste der Bund nochmals die «ausserordentliche Lage» ausrufen. Solange er das nicht macht, kann er den Kantonen für die obligatorische Schule nichts vorschreiben, sondern nur Empfehlungen äussern. Das hat er bereits mehrmals erfolglos versucht. Wir müssen uns wohl mit der aktuellen Situation arrangieren.

Auf welche Regeln würden Sie alle Schule verpflichten, wenn Sie könnten?

Repetitive Tests in jeder Klasse mindestens einmal pro Woche – vorausgesetzt es gibt entsprechenden Ressourcen dafür. Maskentragen, wo es epidemiologisch Sinn macht. Regelmässiges Lüften oder Luftfilter und CO2-Messgeräte, wo dies schwierig oder unmöglich ist.

Und Masken schon ab der 1. Klasse?

Das müssen Fachleute beurteilen.

Finden sich noch überall ausreichend qualifizierte Leute für den Unterricht?

Nein, man ist überall am Anschlag. Neben Pädagogik-Studierenden und Pensionierten darf man etwa im Kanton Zürich im Notfall inzwischen auch Leute ohne pädagogische Ausbildung einstellen. Oft springt man für andere ein: Ich kenne einen Schulleiter, der zur Zeit auch noch Wirtschaft, Arbeit und Haushalt unterrichtet – er bereitet nun also mit den Jugendlichen Mahlzeiten zu, was ja irgendwie noch lustig ist. Da aber auch die Schulleitungen am Anschlag sind, ist dies sicher kein Zustand, an den man sich gewöhnen darf.

Gibt’s schon viele solcher Notsituationen, wo man einfach irgendwen vor die Klassen stellt?

Da fehlt mir der vollständige Überblick. Aber in dieser schwierigen Lage ist es entlastend, wenn sich Leute finden, die helfen, Ausfälle auf einem Minimum zu halten; die Schulen sind extrem froh um sie. Dabei geht es vor allem darum, die Betreuung aufrechtzuerhalten. Bildung wird auf jeden Fall nicht die gleiche Qualität haben. In der Regel greift man erst auf Menschen ohne pädagogische Ausbildung zurück, wenn man niemanden sonst findet. Im Kanton Bern allerdings unterrichten solche Leute schon länger.

Bereits vor der Pandemie?

Ja, sie werden vor lauter Verzweiflung sogar unbefristet angestellt, weil einfach zu wenig ausgebildetes Personal auf dem Markt ist.

Was ist für die Lehrerinnen und Lehrer im Moment am Anstrengendsten?

Die vielen Ausfälle aufzufangen, den Überblick über den Lernstand jedes Kindes zu behalten und mit einer Klasse gleichzeitig Präsenz- und Fernunterricht zu machen – für jene, die von zu Hause aus der Quarantäne zugeschaltet sind. In beiden Formen allen gerecht zu werden, ist eine riesige Herausforderung.

Was sollte die Lehrerschaft dabei unbedingt aufrechterhalten?

Eine gewisse Normalität, sowie Sicherheit und Zuversicht, dass es trotz allem weitergeht. Idealerweise bleiben sie sachlich, lassen sich auf keine emotionalen Diskussionen ein und verschaffen den Schülerinnen und Schülern trotz allem positive Erlebnisse. 

Das dürfte in der aktuellen Situation nicht leicht sein. Gibt es da auch einige, die sich überfordert fühlen und nach anderen Jobs umsehen, ähnlich wie beim Gesundheitspersonal?

Gewisse Parallelen gibt es sicherlich. In beiden Bereichen gibt es schon länger zu wenig Personal, zusätzliche Investitionen sind politisch meist sehr umstritten, und bei Sparrunden muss auch immer der Bildungsbereich Federn lassen. Burnouts und Jobwechsel gab es auch schon vor Corona. Fälle, wo es wegen der Pandemie zu Kündigungen kam, sind mir persönlich aber keine bekannt. Mir scheint eher, dass man gerade jetzt die Stellung hält und nicht wegläuft. Und für viele ist es eine Wohltat, dass nun wegen der Pandemie endlich gesehen wird, welch wichtige Rolle die Schule in unserer Gesellschaft hat. Bei allen Herausforderungen sehe ich durchaus auch positive Effekte.

Desinfektionsmittel, Coronatests, Technik für den Fernunterricht: Die Schreibtische von Lehrpersonen sind während der Pandemie voller geworden. (Bild: Keystone) 

Desinfektionsmittel, Coronatests, Technik für den Fernunterricht: Die Schreibtische von Lehrpersonen sind während der Pandemie voller geworden. (Bild: Keystone) 

Was halten Sie von einer Impfpflicht für Lehrpersonen?

Natürlich wäre es gut, wenn möglichst viele geimpft wären. Die grosse Mehrheit ist es auch. Aber wir müssen respektieren, dass es einige gibt, die ihre Gründe haben, weshalb sie sich nicht impfen lassen.

Und sollte man die Kinder impfen?

Für die Schulen würde das natürlich eine gewisse Entspannung bedeuten. Aber ich finde, dass das nicht Sache der Schule ist – das Impfen der Kinder liegt in der Verantwortung der Eltern. 

Wie geht es den Kindern bei all dem?

Die meisten gehen absolut souverän mit all dem um. Aber es steht und fällt auch mit dem, was die Erwachsenen ihnen vorleben. Und es gibt schon auch Schwierigkeiten: Gewisse Ereignisse wie etwa Angebote oder Anlässe für den Übertritt von der Schule ins Berufsleben konnten nur unter erschwerten Umständen stattfinden, wenn überhaupt. Viele konnten zum Beispiel keine Schnupperlehre machen oder nur sehr eingeschränkt. Bei einigen hat das grosse Unsicherheit gegenüber der Zukunft ausgelöst. Wie es fürs 2022 aussieht, wissen wir im Moment nicht, aber wir sollten ein wachsames Auge haben auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen.

Gibt es Muster, wen es härter trifft?

Ganz entscheidend ist die Situation der Eltern. Wenn die in einem sicheren Job sind und Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, ist das Risiko viel kleiner, als wenn sie sich um ihre Arbeitsstelle sorgen müssen oder sie verloren haben. Kinder aus sozial und wirtschaftlich weniger privilegierten Familien sind klar gefährdeter. Aber es gibt Kinder, die stecken selbst ganz schwierige Situationen gut weg, und andere, die reagieren stark auf kleine Unsicherheiten. Die Schweiz muss genau hinschauen, welche Schülerinnen und Schüler Hilfe brauchen – und sie gezielt unterstützen, um Langzeitfolgen zu vermeiden.

Wird die Ungleichheit sich verstärken?

Bei der Bildungsgerechtigkeit gab es in der Schweiz schon vor Corona Luft nach oben. Die Pandemie hat dies nun noch schärfer hervorgehoben, was auch positive Effekte haben könnte. Das Problem ist ins Bewusstsein von Gesellschaft und Politik vorgedrungen. Unser Verband macht sich in diesem Zusammenhang immer wieder für die Frühförderung und die Tagesstrukturen an den Schulen stark. Es geht dabei um die Möglichkeit für Kinder, schon vor Kindergarten und Schule mit Gleichaltrigen zusammenzukommen, zu spielen und zu sprechen. Davon bräuchte es in der Schweiz dringend mehr.

Der Umgang mit den Eltern ist wohl auch nicht leichter geworden. Den einen sind die Regeln zu lasch, den anderen zu viel…

Diese beiden Seiten gibt es tatsächlich, und über sie wird auch am meisten berichtet. Dabei geht gerne die grosse Mehrheit der Eltern vergessen, welche die Massnahmen zwar kritisch, aber wohlwollend und konstruktiv mittragen. 

Wie geht man mit Eltern um, die rechtlich gegen die Schule vorgehen oder Lehrpersonen auffordern, irgendwelche Haftungsformulare zu unterschreiben?

Da muss man sachlich bleiben und versuchen, die Situation zu erklären. Es sind nicht Lehrpersonen oder Schulleitungen, die über Corona-Massnahmen entscheiden, sondern kantonale Bildungs- und Gesundheitsbehörden. Und niemand will Kinder quälen, niemand. Wenn sachliche Argumente nicht weiterhelfen, muss man sich abgrenzen und betonen, dass man nur umsetzt, wozu man verpflichtet ist. Alles andere sollte man an sich abperlen lassen, auch wenn das zuweilen schwierig ist.

Verstehen Sie Eltern, die ihre Kinder wegen Corona gleich ganz aus der Schule nehmen wollen? 

Ich kann nachvollziehen, dass man sich Sorgen macht und sich zu wenig geschützt oder ausgesetzt fühlt. Man tut den Kindern aber sicher keinen Gefallen, wenn man sie mitten im Schuljahr aus der Klasse nehmen will. Kinder stehen da plötzlich mitten in einem Konflikt – das tut ihnen psychisch bestimmt auch nicht gut.

Würden Sie Homeschooling unter bestimmten Umständen unterstützen? Oder sehen Sie da prinzipielle Risiken?

Wichtig scheint mir, dass man gewisse Voraussetzungen mitbringen muss, um die eigenen Kinder zu Hause unterrichten zu dürfen. Dennoch verpassen Kinder auch einiges, wenn sie nicht mit anderen Gspänli zur Schule dürfen und in der Gruppe gemeinsame Erfahrungen machen können. In der Schule lernen sie viele verschiedene Ansichten, Kulturen und Lebensformen kennen – genau wie später im Leben. Von daher sehe ich die Volksschule auch als hilfreiche Vorbereitung fürs Leben.

Dagmar Röslers Erfahrung ist, dass die Kinder mit der Maskenpflicht gut klarkommen: «Da könnten sich einige Erwachsene eine Scheibe von abschneiden.» (Bild: Keystone)

Dagmar Röslers Erfahrung ist, dass die Kinder mit der Maskenpflicht gut klarkommen: «Da könnten sich einige Erwachsene eine Scheibe von abschneiden.» (Bild: Keystone)

Alle wollen nochmalige Schulschliessungen unbedingt vermeiden. Denken Sie, das wird gelingen?

Das ist jetzt natürlich Kaffeesatzlesen, aber flächendeckende Schliessungen wird es wohl nicht mehr geben. Hingegen dürfte es vorkommen, dass wegen zu vielen Ausfällen oder zu hohen Fallzahlen mal ein halber Tag ausfällt oder als Fernunterricht geführt wird. Oder dass eine Schule als Ganzes für ein oder zwei Wochen auf Fernunterricht umstellen muss.

Gibt’s inzwischen Erfahrungen, wie der Fernunterricht für alle Beteiligten besser gestaltet werden könnte?

Schon letztes Jahr klappte es vielerorts gut, obwohl von heute auf morgen umgestellt werden musste; Lehrerinnen und Lehrer haben in der Regel alles gegeben. Aber ja, wir alle haben viel dazugelernt. Viele Schülerinnen und Schüler sind inzwischen mit mobilen Geräten für zu Hause ausgerüstet, Lehrpersonen haben Weiterbildungen gemacht, um besser für den Fernunterricht gerüstet zu sein. Und praktisch jede Schule dürfte sich damit auseinandergesetzt haben, wie das möglichst reibungslos funktioniert, falls ein Umstellen nochmals nötig wird.

Wird Corona die Bildungslandschaft verändern?

Die Digitalisierung bekam sicher einen Schub, aber Geräte allein reichen nicht: Es braucht dazu auch die entsprechende Didaktik. Diesbezüglich gibt es noch viel zu tun, aber die Pandemie hat dem Thema einen Drive gegeben, den wir nicht verlieren dürfen. Ausserdem hoffe ich, dass es die Sicht auf die Schule verändern wird; man hat nun realisiert, wie systemrelevant sie ist – und das wird hoffentlich nicht so rasch wieder vergessen.

Wie geht es Ihnen selbst als Lehrerin?

Ganz gut soweit, aber ich unterrichte nur in einem Teilzeitpensum. Auch die Primarschulkinder ab der 3. Klasse müssen bei uns nun Maske tragen, und alles in allem finde ich es bewundernswert, wie gut sie damit umgehen. Da könnten sich einige Erwachsene eine Scheibe von abschneiden.

Und wie läuft es bei Ihnen in der Familie?

Die Jüngere ist gerade in die Sekundarstufe gestartet, die Ältere ist im zweiten Lehrjahr als Zeichnerin. Alles in allem hatten wir bis jetzt Glück in der Pandemie und wurden nicht schwer getroffen.

Verstehen Sie als Mutter vielleicht gewisse Regungen von Eltern, die Sie als Lehrerin schwierig finden?

Total. Und nicht nur bezüglich der Pandemie. Es geht halt um die eigenen Kinder, und das ist schnell emotional. Als Eltern will man nur das Beste für den Nachwuchs. Und solange das sachlich bleibt, ist auch ein kritischer Blick völlig okay. Aber man darf trotzdem von allen erwarten, dass sie fair und anständig bleiben und Lehrerinnen und Lehrern mit Respekt begegnen – und auch mit Wertschätzung. Das ist es, was die Schule weiterbringt.

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