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August 2021 - News Aylin ist da

In der Ausbildungsfiliale Bern-Bubenberg begleitet Aylin Würsch (31) seit acht Jahren Lernende mit Leistungsbeeinträchtigung. Keine einfache Aufgabe. Aber eine, die für die Berufsbildnerin Berufung ist.

Portrait Aylin

Aylin ist da. Immer. Das wissen ihre Lernenden. Sie hört zu, wenn die jungen Leute Sorgen haben. Sie leidet mit, wenn die Kundschaft in der Filiale grosse Augen macht, weil sie das Verhalten der Lernenden nicht deuten kann. Und sie tut alles, damit ihre Schützlinge die Prüfung bestehen.

Als Berufsbildnerin in einer Ausbildungsfiliale hat Aylin Würsch ihre Berufung gefunden. Sie vermittelt den Lernenden mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, mit Sprachschwierigkeiten oder einer körperlichen Beeinträchtigung mehr als Wissen. «Normalerweise geht es bei den wöchentlichen Gesprächen mit Lernenden um Themen wie das Sortiment oder die Noten. Wir aber reden über Medikamente, Psychologen oder die Situation zu Hause. Die Migros Bubenberg ist für die Lernenden fast wie eine zweite Familie.»

Erzählt Aylin Würsch aus ihren acht Jahren als Berufsbildnerin, werden ihre Augen ein ums andere Mal feucht. «Es kommt so viel zurück.» So haben auch schon ein paar Lernende zusammen eine Dankesrede für sie gehalten oder Eltern bedanken sich, dass sich ihre Kinder so gut entwickelt haben.

Mein Herz hängt zu fest an den Lernenden.

Aylin Würsch
Berufsbildnerin-mit-der-Lernenden-an-Kasse

Von Frau Würsch zu Aylin

Im ersten Jahr ist sie für die Lernenden noch Frau Würsch. Ab dem zweiten Lehrjahr Aylin. «Das bringt noch mehr Nähe und sie freuen sich sehr darauf, wenn wir Duzis machen.» Auch Aylin Würsch absolvierte ihre Lehre einst bei der Migros und wusste genau, wie es weitergehen soll: Erfahrungen sammeln und später eine Filiale führen. 13 Jahre später schmunzelt die 31-Jährige über ihre einstigen Pläne. «Mein Herz hängt zu fest an den Lernenden.»

Aylin Würsch ist Berufsbildnerin, aber auch in der Marktleitung sowie Kassenverantwortliche und Fachleiterin Molkerei. In der Filiale Bubenberg läuft das Tagesgeschäft normal. Trotz ihrer Beeinträchtigung müssen die neun Lernenden hier das Gleiche leisten wie alle anderen Lernenden auch. «Da bin ich streng und sie müssen ihr Können zeigen.» Neben ihr steht die Lernende Tiziana Bortolussi und hört zu. Sie schüttelt den Kopf: «So streng ist Aylin gar nicht. Aber wir lernen viel von ihr.»

Schnell abgelenkt

Am Augenfälligsten sei bei vielen ihrer Schützlinge die sehr kurze Konzentrationsspanne. Geräusche im Laden oder eine Lautsprecherdurchsage lenken die Lernenden sehr schnell mal ab. Manche tragen das Herz auf der Zunge. «Schau mal, wie die Kundin angezogen ist», gehört zu den harmloseren Aussagen. Besonders sind die Begegnungen zwischen der Kundschaft und einem Lernenden, der Mühe hat, den Leuten in die Augen zu sehen oder wenn sich Lernende sprachlich nicht gut ausdrücken können. Dann leidet Aylin Würsch mit. «Am liebsten würde ich dann den Kundinnen und Kunden alles erklären.» Manchmal tut sie es. Oft bleibt aber keine Zeit.

Zu Beginn hatte Aylin Würsch noch Mühe, abzuschalten und dachte auch zu Hause oft an ihre Lernenden. Unterdessen hat sie gelernt, sich abzugrenzen. Zum Ausgleich boxt sie seit sieben Jahren. Auch ihr sechsjähriger Sohn Cem lenkt ab von der Arbeit.

Alle haben es geschafft

Ziel der Ausbildungsfilialen ist es, dass die jungen Menschen nach Lehrabschluss eine Leistung von mindestens 80 Prozent erbringen können und eine Anstellung bei der Migros erhalten. Noch nie ist ein Schützling von Aylin Würsch durch die Prüfung gefallen. Über 20 haben es bis jetzt geschafft. «Die allermeisten mit Noten zwischen 5 und 6.»

Normalerweise wechseln Mitarbeitende im Supermarkt nach ein paar Jahren die Filiale. Nicht so Aylin Würsch. Manchmal fragen Kolleginnen: «Was, du bist immer noch im Bubenberg?» Dann antwortet sie: «Ich will nicht weg. Die Lernenden brauchen mich.» Aylin bleibt da.

Vier Ausbildungsfilialen

Die Migros Aare betreibt für junge Erwachsene mit Leistungseinschränkungen vier Ausbildungsfilialen in Aarau, Bern, Grenchen und Worb. Seit 2013 bietet sie damit den Jugendlichen eine berufliche Grundbildung im Detailhandel und die Chance auf einen erfolgreichen eidgenössischen Lehrabschluss. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit Supporta (Band-Genossenschaft), den kantonalen IV-Stellen und anderen Kostenträgern. Dabei bildet die Supporta die Schnittstelle zwischen der Ausbildungsfiliale und den kantonalen IV-Stellen sowie den Sozialämtern. Während der ganzen Lehrzeit unterstützt sie die insgesamt sechs Berufsbildenden in den Ausbildungsfilialen und übernimmt das Coaching der Lernenden. Momentan absolvieren 29 junge Menschen ihre Lehre in einer Ausbildungsfiliale. Diesen August haben 13 ihre Lehre begonnen, davon fünf in der Migros Bubenberg. «Niemand der Lehrabgängerinnen und -abgänger hätte ohne die Ausbildungsfilialen eine Chance im ersten Arbeitsmarkt gehabt», sagt Matthias Tomaske, Fachperson Berufliche Integration bei der Supporta. «Und auch diejenigen, welche aus gesundheitlichen oder anderen Gründen die Lehre abbrechen mussten, haben eine wertvolle Erfahrung fürs Leben gewinnen können.»

Facts & Figures

  • Im Schnitt 25 – 30 Menschen mit Leistungsbeeinträchtigung in Ausbildung in den vier Ausbildungsfilialen
  • Mehr als 200 berufliche Massnahmen (Schnupperlehren, Abklärungen, berufliche Grundbildungen) während der vergangenen 5 Jahre
  • 30 Lehrabschlüsse (Eidgenössisches Berufsattest/ Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis)
  • 18 Festanstellungen in der Migros Aare nach Lehrabschluss
  • ca. 80 % Eingliederungsquote im Arbeitsmarkt