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Januar 2021 «Man hätte nur noch den Vorhang öffnen müssen»

Die Masken liegen bereit, die Scheinwerfer sind verkabelt und die Stücke geprobt, doch Räume bleiben dunkel, die Sitzplätze und Tanzflächen verstauben. Dort, wo unser Leben pulsierte, hört man momentan nur das leise Summen des Kühlschranks hinter der Bar.

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Kulturschaffende aus allen Bereichen leben aktuell ohne Planungssicherheit und oftmals mit massiven Einkommenseinbussen. «Wir waren wahnsinnig dankbar für die Unterstützung des Kulturprozents, gerade weil wir in diesem Jahr mit sonst so vielen Unsicherheiten konfrontiert wurden», sagt Theaterregisseur Jonas Egloff.

Vier Menschen, die auf unterschiedlichste Weise im Kulturbereich arbeiten, erzählen von coronakonformen Ideen während der Krise und ihren Hoffnungen auf die Zeit danach.

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Wie haben Sie Theater im 2020 erlebt?
Wir sind in der Lockdown-Phase mit einem blauen Auge davongekommen. Im Kanton Aargau hatten wir zudem das Privileg, dass wir auch Ende des Jahres noch Stücke aufführen konnten. Es war eine absurde Situation von geschlossenen Theatern umzingelt zu sein. Wir hatten beispielsweise ein Gastspiel, das 300 Meter nebenan nicht mehr hätte stattfinden dürfen.

Wie geht es Ihnen in dieser Situation?
Wie alle Theaterschaffenden war ich in den Endproben auf Nadeln, weil man nie wusste, ob jemand in Quarantäne muss oder alles noch abgesagt wird. Das war eine neue Dimension an Unsicherheit. Aber ich werte es auch als Anerkennung unserer Schutzkonzepte, dass wir noch spielen durften. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Massnahmen gewürdigt werden. Die Sicherheit aller ging immer vor: Zurzeit ist die Maske für uns auch bei den Schauspielerinnen und Schauspielern auf der Bühne nötig.

Waren die Hygienemasken nicht irritierend?
Für mich in der Rolle des Regisseurs war die Maske seltsamerweise kaum ein Nachteil, weil ich mich noch auf so viel anderes achte. Für Schauspielerinnen und Schauspieler ist es eine Einschränkung, weil sie auch in subtile Mimik Energie investieren und gesehen werden möchten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wiederum möchten ihnen natürlich auch gerne nicht nur in die Augen schauen können, aber wir haben uns im Moment auch alle an dieses Bild gewöhnt.

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Jonas Egloff Theaterregisseur und Leiter des Bühne Aarau Ensembles.

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Sie sind im Orchester nicht fest, sondern projektbezogen angestellt. Wie wirkte sich das während Corona aus?
Dank der Änderung der Kurzarbeitsregelung erhielt ich dennoch Entschädigungen. Aber unsere Musikerinnen und Musiker kommen von überall her, da waren die Situationen sehr individuell. Auch als wir zwischenzeitlich spielen durften, konnten einige aufgrund der Reiserestriktionen nicht in die Schweiz kommen.

Wie war es, als Sie wieder einen Liveauftritt hatten?
Als ich wieder spielen konnte, fühlte ich mich wie der Fisch im Wasser: Wie sehr hatte mir alles gefehlt. Auch die Reaktion des Publikums war unvergleichlich. Menschen sagten mir nach dem Konzert mit Tränen in den Augen, dass sie das enorm vermisst hatten. Danach war es für mich um einiges schwieriger, als wir in Bern wieder aufhören mussten. Ich bin keine Solistin, was mich erfüllt ist das Zusammenspiel im Orchester.

Was würden Sie gerne verändern?
Ich wünsche mir, dass Verbote differenzierter ausgesprochen würden. Auch wenn es schwierig ist: Man sollte nicht die ganze Kultur in einen Topf werfen. Zudem hoffe ich persönlich besonders für die jungen Künstlerinnen und Künstler, die noch weniger etabliert sind und nun viel verpasst haben, dass es bald wieder aufwärts geht.

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Käthi Steuri ist Kontrabassistin bei der Camerata Bern.

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Wie wirkte sich Corona auf Ihre diesjährige Arbeit als Veranstalterin aus?
Ich habe mich nach einem Jahr Arbeit enorm auf das Tanzfestival gefreut. Wir waren voller Optimismus und alles war startbereit. Man hätte quasi nur noch das Licht einschalten und den Vorhang öffnen müssen. Aber weil der Kanton Solothurn zwei Wochen vor Beginn eine neue Regel erliess, mussten wir schweren Herzens alles absagen.

Wie gehen Sie damit um?
Das war ein harter Schlag, aber die Gesundheit der Beteiligten stand bei uns klar im Vordergrund. Für mich ist der Druck jetzt dreifach so gross: Damit mein Verein und das Fortbestehen der Tanztage nicht gefährdet sind, braucht es nun viele individuelle Abklärungen und Verhandlungen. Das ist auch emotional sehr anstrengend.

Was hat Ihnen Freude bereitet?
Jemand hatte zum Glück die Idee, kurze Videos mit Beiträgen von Tänzerinnen und Tänzern zu veröffentlichen, die wir als Lichtblicke bezeichneten. Das hat mich als künstlerisches Dokument dieser Zeit besonders berührt und ist beim Publikum sehr gut angekommen. Ansonsten schauen wir hoffnungsvoll auf unser «Jubiläum reloaded» im 2021.

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Ursula Berger ist Vorstandsmitglied des Vereins Tanz in Olten.

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Wie war es in diesem Jahr ein Album zu veröffentlichen?
Bis vergangenen Winter haben wir sehr viel in die Vorbereitungen unseres Release gesteckt. Dann kam unsere Plattentaufe Anfang März und ich dachte «Yes, jetzt läufts». Und dann ist einfach nichts mehr gelaufen: Lockdown. Das Konzert war für viele das letzte in diesem Jahr, das sie ausgelassen erleben konnten. Damals hatten wir noch nichts gehört von Superspreader-Events oder Aerosolen und wir hatten sehr viel Glück, dass nichts passiert ist.

Wie ging es für Sie weiter?
Trotz Schock konnte ich persönlich der Entschleunigung auch Positives abgewinnen. Aber mir ist schnell bewusst geworden, wie gross die Belastung für viele andere Menschen – beispielsweise in der Pflege oder in der Migros an der Kasse – gerade war. Deswegen will ich mich solidarisch zeigen. Obwohl ich alles vermisse, was nur im Spontanen und Unkontrollierten entstehen kann.

Was wünschen Sie sich jetzt?
Ich setze alle Zuversicht auf nächsten Sommer. Sonst wird’s richtig heavy. Bis dahin bin eher für ganz oder gar nicht: Solange diese zwanglose Energie nicht entstehen darf, lässt man es vielleicht lieber noch bleiben, erteilt für Kultur und Gastro stattdessen Mieterlasse und zahlt anständige Entschädigungen.

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Michael Egger ist Texter und einer der beiden Sänger der Berner Elektropopband Jeans for Jesus.