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Nachbarschaftshilfe 2.0

Nachbarschaftshilfe 2.0

Anderen helfen und später selbst Hilfe erhalten: So funktioniert das Netzwerk der Luzerner Genossenschaft Zeitgut – ganz ohne Geld. Ein gesellschaftliches Engagement, das vom Kulturprozent der Migros Luzern mitgetragen wird.

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Überalterung der Gesellschaft, Altern in Würde, Betreuung und Begleitung von betagten Menschen sowie solidarische Nachbarschaften: Dies alles sind Stichworte, die unweigerlich mit der Arbeit der Genossenschaft Zeitgut zusammenhängen. Seit 2013 baut diese in Luzerner Stadtteilen und Gemeinden ein Netzwerk für Quartier- und Nachbarschaftshilfe auf. Ein Projekt, das vom Kulturprozent der Migros Luzern mitgetragen und unterstützt wird. Das Spezielle daran: Hilfe wird bei Zeitgut nicht etwa eingekauft, sondern mit Zeitguthaben verrechnet. Es ist ein Modell, das neben dem Portemonnaie der Betroffenen auch die öffentlichen Kassen entlasten helfen soll. Das Migros-Magazin hat mit Zeitgut-Präsidentin Angelica Ferroni gesprochen und gibt Einblick in zwei Lebenswelten von Betroffenen.

 

Eine helfende Bezügerin

Frau K.* aus Luzern kennt beide Zeitgut-Aspekte – die Zeitgebende und die Zeitnehmende. Die 68-jährige Sozialpädagogin hat drei Kinder allein grossgezogen. Das war auf die Dauer zu viel, sie bekam ein Burn-out und gleichzeitig eine Brustkrebsdiagnose, musste operiert werden und fiel in eine tiefe Depression. Per Zufall entdeckte sie Zeitgut und traf Herrn F.*, einen liebens - würdigen, sportlichen Pensionierten. Mit ihm ging sie nun jeden Montagnachmittag zwei Stunden spazieren. Sie gingen bei Regen und Schnee, sprachen über Politik und Kultur oder schwiegen. Seine reine Präsenz half ihr aus der Depression. Sie konnte wieder alleine aus dem Haus und wollte sich wieder einbringen, statt nur zu nehmen wieder zu geben. Da kam die Anfrage von Zeitgut, ob sie sporadisch Frau S.*, eine sehbehinderte 88-Jährige, auf Wanderungen in die Luzerner Berge begleiten könnte. Eine massgeschneiderte Anfrage. Die beiden Frauen treffen sich ab und zu, je nach Lust und Wetter. Unterwegs frönen sie der Liebe zur Natur, an Gesprächsstoff fehlt es ihnen bis heute nicht.

Frau K. weiss genau: «Auch wenn Frau S. eines Tages nicht mehr wandern kann, werde ich den Kontakt mit ihr weiter pflegen, zu kostbar ist mir die Freundschaft mit ihr.» Sie schenkt Hilfe, erhält dabei aber so viel Positives, dass sich die Grenzen auflösen. 

 

Mit Trisonomie 21 geboren

Frau B.* (48) traf die Botschaft völlig unvorbereitet: Vor gut elf Jahren erfuhr sie zwei Tage nach der Geburt, dass ihre Tochter Trisomie 21 hat. «Das hat mein Leben so ziemlich und nachhaltig auf den Kopf gestellt.» Freizeit? «Was ist das?» Beide Kinder leiden an Allergien und Unverträglichkeiten, die Tochter gar an einer zusätzlichen Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Sie müsse ständig darauf achten, dass ihre Kinder nichts essen, was einen «Schub» auslösen kann: «Ich bin fast schon zu einer Diätköchin geworden», erzählt sie. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Mann beruflich viel im Ausland war und ist. «Manchmal, ich gebe es zu, überflutet mich das alles.» In solchen Momenten ist Zeitgut für sie da, und sie kann unbürokratisch von Hilfe profitieren. Vorerst erhielt sie halbtageweise von einer Frau Unterstützung bei der Betreuung und dem Hüten der Kinder. Weil diese mittlerweile Anrecht auf einen Hortplatz haben, ist das nicht mehr nötig. Wenn der Mutter aber wieder einmal alles über den Kopf zu wachsen droht, steht auf Abruf eine Helfende bereit. «Sie steht mir wie ein Coach beratend zur Seite.» Das gibt Kraft und auch Strukturen.

«Ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung und finde bei Zeitgut auch super, dass man da beziehen kann, ohne den Zwang, gleich etwas zu geben.» Dass sie selber auch einmal bei Zeitgut die Gebende sein wird, ist für sie keine Frage: «Irgendwann wird es auch mir möglich sein.» Sie denkt ans Einkaufen für andere oder ans Organisieren eines Mittagstischs.

*Namen geändert





Vorsorge ohne Geld?

Interview mit Angelica Ferroni, Präsidentin Zeitgut

Ganz einfach: Die Mitglieder der Genossenschaft sind für Menschen da, die altershalber oder durch spezielle Lebensumstände Unterstützungsbedarf haben.

Ihre Einsatzstunden werden als Zeitgutschriften dokumentiert. Auf diese können sie zurückgreifen, wenn sie selber Unterstützung brauchen, oder sie können sie verschenken. 

Das stimmt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von der «vierten Säule», also tatsächlich eine Vorsorge ohne Geld. Es ist ein wesentlicher Beitrag, um längerfristig und unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung die Betreuung im Alter zu sichern und das gesellschaftliche Zusammenleben, die soziale Teilhabe zu fördern. Denn die freiwillige Nachbarschaftshilfe hilft, Kosten zu sparen, eigene wie auch die der öffentlichen Hand.

Die Genossenschaft zählt aktuell gut 380 Mitglieder, die insgesamt bereits rund 15500 StundenNachbarschaftshilfe geleistet haben. Unsere Idee funktioniert, und wir wollen weiterwachsen. Vor allem soll sich Zeitgut noch stärker als generationenübergreifendes Netzwerk entwickeln, das alte und junge Menschen in tätiger, gelebter Solidarität verbindet. Klar ist: Schon aufgrund der demografischen Entwicklung wird der Bedarf an Unterstützungsleistungen stark zunehmen. 

Zum einen begegnen sich die gebende und die nehmende Person dank der Zeitgutschriften auf Augenhöhe. Zum anderen sind die Rollen durchlässig: Wer gibt, kann früher oder später selber Unterstützung erhalten, und wer beispielsweise beim Einkaufen Unterstützung braucht, kann seinerseits jemanden, der die Wohnung nicht mehr verlassen kann, mit Besuchen erfreuen.

Mit jedem neuen aktiven Mitglied wird ein persönliches Gespräch geführt und abgeklärt, was der Unterstützungsbedarf ist und welche Unterstützung die Person selber auch anbieten kann und möchte. Im Vordergrund steht die Freude am Tun, nicht die Pflicht.

Zurzeit sind wir vor allem auf die Stadt Luzern und die Agglomerationsgemeinden konzentriert. Zusätzlich haben wir bereits Kontakte zur Region Sempachersee geknüpft. Doch überall in der Schweiz sind ähnliche Netzwerke im Aufbau. Unsere Gesellschaft braucht soziale Bewegungen, wo sich die Menschen partizipativ und potenzialorientiert einbringen können.

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