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Migros - Ein M besser

«Wir stecken alle im Fruchtfleisch des Lebens»

Die Slam Poetin und Wortkünstlerin Lisa Christ verarbeitet in ihren Texten eigene Erfahrungen. Am 3. Dezember tritt sie bei der «STAND UP! Mixed Show» im Bernhard Theater auf. Ein Gespräch über Botschaften, Engagement und Erfahrungen.

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Seit Jahren ist das gesprochene Wort Ihr Werkzeug auf der Bühne. Haben Sie den Poetry Slam entdeckt oder er sie?
Vor rund 12 Jahren las ich auf einer offenen Bühne in Olten Texte vor, und mein heutiger Agent wurde auf mich aufmerksam. Danach hat er mich immer wieder für verschiedene Poetry Slams in Olten und Umgebung angefragt und mich so ermutigt, einzusteigen. Ich finde, gerade bei Frauen ist es wichtig, dass man sie immer wieder ermutigt. Männer haben meist das grössere Selbstbewusstsein.

Ihre Themen sind so breit gefächert wie das Leben. Was inspiriert dich?
Das ist wohl die meist gestellte Frage … Wie meistens in der Kunst ist es eine Mischung aus verschiedenen Komponenten. In erster Linie ist Schreiben für mich eine Bewältigungsstrategie. Wenn ich Gedanken in einem Text ausformuliere, hilft mir das enorm beim Sortieren und Reflektieren. So verarbeite ich Eindrücke. Doch auch wenn der Ursprung eines Textes sehr persönlich ist, kann es sein, dass ich den Gedanken weiterspinne, mich in etwas hineinsteigere oder es gar ins Absurde ziehe. Dennoch ist alles, was ich auf der Bühne vorlese, in meinem Privatleben bereits abgeschlossen und verarbeitet.

Möchten Sie mit Ihren Texten Botschaften vermitteln?
Obwohl ich in gewissen Punkten eine starke (linke) Meinung vertrete, ist es mir wichtig, konstruktiv zu arbeiten. Meine Aufgabe ist, zu beobachten, zu reflektieren, aufzuschreiben und dadurch der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Ich will kritisch, aber nicht bevormundend sein. Auch wenn mein Hang zum moralischen Zeigefinger noch manchmal durchdringt – aber daran arbeite ich. Ich bin überzeugt, dass ein Auftritt viel Verantwortung mit sich bringt. Wenn ich auf der Bühne stehe und mir die Leute zuhören, habe ich eine Macht, die ich nicht missbrauchen darf.

Was möchten Sie bei den Zuhörerinnen und Zuhörern bewirken?
Ich wünsche mir, dass sich die Gäste gut unterhalten und durch die Themen angesprochen und verstanden fühlen. Natürlich wäre es wunderbar, wenn die eine oder der andere mit einem neuen Blickwinkel auf ein bestimmtes Thema aus der Lesung geht. Was waren die schönsten und schwierigsten Erfahrungen, die Sie bisher an einem Auftritt gemacht haben? Besonders schätze ich die persönlichen Feedbacks der Gäste nach einem Auftritt. Ich freue immer sehr, wenn ich Menschen mit meinen Texten berühren kann. Gleichzeitig ist es unangenehm und verunsichernd, wenn das Publikum gar nicht reagiert. Ich versuche aber immer, aus den schwierigsten Momenten auch eine Lehre für mich zu ziehen – und habe gelernt, dass ich nicht allen Menschen gefallen kann und muss.

Sie sind eine «Slam Alpha» – Ihr macht euch stark für Frauen in der Slam-Gemeinschaft.
Die Idee des Vereins «Slam Alphas» stammt ursprünglich von meiner Slam-Kollegin Franziska Holzeimer. Sie hat verschiedene Slammerinnen angefragt, und gemeinsam bauten wir vor Jahren den Verein auf. Unser Ziel ist, Frauen in der Slam-Szene sichtbarer und für Veranstalter leichter erreichbar zu machen. Das Herzstück unserer Webseite ist deshalb auch die interaktive Karte. Neben meiner Arbeit im Vorstand bin ich seit den Anfängen als Redaktorin des Blogs tätig.

2018 erschien Ihr erstes Buch «Im wilden Fruchtfleisch der Orange». Wie kam es dazu?
Mit dem Abschluss meines Studiums 2017 wagte ich den Schritt in die Selbständigkeit. Poetry Slam war somit nicht mehr nur ein Hobby, sondern plötzlich Teil meines Berufs. Mit dem Buch gebe ich einigen Texten der ersten zehn Jahre ein Zuhause. Sie sind chronologisch geordnet, die Leserinnen und Leser können also auch meine Weiterentwicklung beobachten. Zudem ist es schön, den Zuhörerinnen und Zuhörern am Ende der Veranstaltung ein Erinnerungsstück anzubieten.

Und was bedeutet der Buchtitel?
«Im wilden Fruchtfleisch der Orange» ist ein Zitat aus einem der Texte und eine Metapher für das Leben. Wir alle stecken mitten im Fruchtfleisch – also Leben – und kämpfen uns durch die verschiedenen Schichten. Es ist mal wild, mal süss, mal säuerlich. Ich finde ihn recht passend für eine Sammlung.

Im Dezember sind Sie das erste Mal bei einer «STAND-UP! Mixed-Show» im Bernhard Theater dabei, …
… obwohl ich mich ja selbst nicht als Comedian bezeichnen würde, sondern als Slam Poetin und Kabarettistin.

Wann bereiten Sie sich darauf vor?
Während der Saison habe ich wöchentlich drei bis fünf Auftritte und denke deshalb nur in Wochen. Der Dezember ist ja noch ein Stück weg, deshalb hab ich mir zum Auftritt noch gar keine Gedanken gemacht. Natürlich bereite ich mich jedes Mal gut vor, und vielleicht schreibe ich sogar noch etwas Neues. Das Wichtigste für mich ist der Versuch, unvoreingenommen an den Auftritt heranzugehen und den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Denn nur durch den Austausch kommt man weiter.

Infos zu Lisa Christ
Mehr zu «Slam Alphas»

Bild und Interview von Lena Hilfiker

 

 

Die «STAND UP! Mixed Shows»

Im Bernhard Theater werden im Herbst wieder kräftig die Lachmuskeln trainiert. Der Comedian Joël von Mutzenbecher präsentiert im Rahmen der Reihe «STAND UP! Mixed Show» jeweils sechs deutschsprachige Comedians. Die Shows finden am 1. Oktober, 12. November und 3. Dezember statt.

Tickets und Infos zu «STAND UP! Mixed Show»