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Migros - Ein M besser

Macht Sex Angst?

Am «Zürcher Philosophie Festival» diskutieren Melanie Winiger und Yves Bossart über die «Freie Liebe». Ein philosophisches Gespräch über Selbstbestimmung, Untreue und Lust.

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Die Jugendlichen von heute träumen von einem Haus und zwei Kindern. Ist die 68er-Idee der «Freien Liebe» gescheitert?
Yves Bossart: Für gewisse Menschen ist die freie Liebe auch heute noch alltagstaug­lich. Ich selbst bin da anders gestrickt – und sicherlich auch beeinflusst durch die heutige Gesellschaft und ihre Normen. Zudem schätze ich die Gebor­genheit und Einzigartigkeit meiner Beziehung. Seit 12 Jah­ren bin ich meiner Frau treu. 

Wann beginnt Untreue?
Melanie Winiger: Wenn mein Ehemann mit einer anderen Frau schlafen würde. Obwohl, ich hätte auch mit Rumknut­schen Mühe. Und doch frage ich mich: Ist der Mensch für die  Monogamie gemacht? Wir kriegen es ja nicht wirklich hin. Kaum ein Tier lebt monogam. Wir sind eifersüchtig, haben Verlustängste und klammern uns deshalb an die Monogamie.

Gegen die «Freie Liebe» spricht auch unser Bedürfnis nach Kontrolle. Wieso machen uns unsere Lust und unser Begehren Angst?
MW: Weil Lust und Begehren nicht kontrollierbar sind. Wir haben das Bedürfnis, die Kontrolle zu behalten, da sie uns Sicherheit gibt. 

Und darum lassen wir zu, dass uns religiöse Institutionen einreden, unsere Lust sei Sünde?
YB: Es dreht sich alles um die Angst vor Kontrollverlust. Die Welt ist uns zu schnell, zu viel, und es bleibt ein Gefühl von Ohnmacht. Wir versuchen den Kontrollverlust zu kompensie­ren, trainieren unseren Körper, zählen Kalorien. So kontrollie­ren wir, was wir kontrollieren können: unseren Körper. Bei der Lust ist es ähnlich: Da spü­ren wir, dass wir ein Spielball unserer Triebe sind. Die Lust kommt über uns. Ein anderes Beispiel ist das Essen. Nicht von Ungefähr kennen viele Reli­gionen Askese. Die stoische Philosophie sagt eigentlich nichts anderes: Kontrolliere deine Triebe.

Kontrolle kann in Gewalt umkippen: Der Dokfilm «Female Pleasure», den Sie, Melanie Winiger, koproduziert haben, thematisiert die weibliche Beschneidung. Wieso lassen Frauen zu, dass ihre Töchter beschnitten werden?
MW: Weil sie in der eigenen Kul­tur gefangen sind. Eine Kultur hinterfragt man nicht. 

Haben wir das Recht, fremde Traditionen zu kritisieren?
MW: Ich nehme mir diese Frei­heit. Als ich entschied, meinen Sohn nicht zu taufen, hat sich meine Grossmutter von mir ab­gewandt und mich kurzerhand aus dem Testament gestrichen.
YB: Wir sind alle gefangen. Wir müssen uns nichts vormachen. Heute lassen sich Frauen überall am Körper freiwillig operieren.
MW: Me not! (lacht)
YB: Gewisse lassen sich sogar die Genitalien schön operieren. Der gesellschaftliche Zwang ist sehr wohl da.

Und wie steht es mit der männlichen Beschneidung? Muss diese neu beurteilt werden?
MW: Grundsätzlich finde ich, dass Erwachsene an den Genita­lien von Kindern nichts verloren haben. Ausnahmen sind medizi­nische Gründe. 
YB: Die Selbstbestimmung ist in unserer Gesellschaft zu Recht ein grosser Wert. Ich würde auch sagen: möglichst wenig eingrei­fen, bis sie selbst entscheiden können.

Sie sind beide Eltern. Kann man Kinder zu einer selbstbestimmten Sexualität erziehen?
MW: Ich versuche, mit meinem Teenagersohn möglichst offen über Sexualität zu reden. Wir tauschen uns aus und ich stelle keinerlei Forderungen. In die­sem Sinne glaube ich schon, dass er frei ist. Zumindest weiss er, was er will.
YB: Meine Tochter ist zweiein­halb Jahre alt. Erziehung funk­tioniert nicht mit Zwang, son­dern mit Vorleben und Dialog. Und es braucht auch Zeit – 
damit traditionelle Strukturen überwunden werden können und sich eine Gesellschaft erneuert.

«Influencers» protzen auf Social Media mit Muskeln und  Autos oder Bikini-Figur und aufgespritzten Lippen. Rückschrittliche Rollenbilder trotz zeitgemässer Kanäle?
MW: Die sozialen Medien ver­mitteln ein falsches, gestelltes Bild, das Jugendlichen impo­niert und sie frustriert. Vor allem für die Frauenbewegung sind Social Media ein Problem. Man müsste diesen Vorbildern mal ins Gewissen reden. 
YB: Aber es gibt Gegentrends. Etwa Bodypositivity, die positive Einstellung zum Körper.
MW: Denen wird leider weniger gefolgt. Und der Trend «No­ Make­Up»: Dass ich nicht lache, dafür nutzen sie drei Bildfilter.

Die sozialen Medien haben #metoo hervorgebracht. Hat der Hashtag in der Schweiz etwas verändert?
MW: Dank #metoo trauen sich viele Frauen nun, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. Zu sagen: Stopp, bis hierher und nicht weiter. Die Aufforderung, die eigenen Grenzen aufzuzei­gen, gilt auch für Männer.
YB: Im Freundeskreis war #metoo immer wieder ein Thema. Vor allem der Sexismus im Alltag macht die Diskussion spannend. Institutionelle Diskriminierung ist ja weiterhin ein Problem, man denke an die Lohnungleichheit. Problema­tisch an #metoo finde ich eine implizite Pauschalisierung, im Sinne von: «Die Männer» sind so.

Melanie Winiger, Sie kämpfen heute für die  sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Mit 17 wurden Sie Miss Schweiz. Wie passt das zusammen?
MW: Es war mein Entscheid, an der Miss Schweiz­-Wahl teil­zunehmen. Damals war ich 17, heute bin ich fast 40 Jahre alt. Ich bin überzeugt, dass sich mein Werde gang nicht mit meinem Aussehen erklärt, sondern mit dem, was ich zu sagen habe. Ich habe dem Schema einer Miss Schweiz nie entsprochen.

Wie verstehen Sie das Motto des diesjährigen Philosophie Festivals «Träum weiter»?
MW: Ich verstehe es konstruktiv. Ich möchte davon träumen, dass wir mehr Empathie zulassen. Dass keiner mehr auf die Idee kommt, das eigene Kind zu zwingen, eine fremde Person zu heiraten und mit ihr schlafen zu müssen.
YB: Auch ich bevorzuge diese Lesart: Den eigenen Horizont erweitern. Unsere Utopien be­schränken sich heute auf techni­sche Errungenschaften und wir verfügen über keine sozialen Utopien mehr. Wie wollen wir zusammenleben? Das Motto soll ermutigen, über unsere Gesellschaft nachzudenken.

 

Zürcher Philosophie Festival 2019

Sie war ein Erfolg, die letztjährige Erstausgabe des «Zürcher Philosophie Festival». Nun geht es in die nächste Runde. Mit Unterstützung des Kulturprozents der Migros Zürich lädt das Festival vom 17. bis 19. Januar ins Land der Träume ein. Wovon dürfen wir träumen und was sollten wir  lieber bleiben lassen? Diesen und vielen weiteren Fragen geht das 
Philosophie-Festival im Kulturhaus Kosmos nach.  

Die diesjährige Ausgabe verspricht packende Gedankenspiele und lebhafte Streitgespräche mit prominenten Gästen zu brandaktuellen Themen. Vorwissen zur Philosophie braucht es keines.

Programm und Tickets: Zürcher Philosophie Festival

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