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«Philosophie verdient ein Festival»

Die Journalistin und promovierte Philosophin Barbara Bleisch über das moralische Faultier in uns, Gutmenschen und das erste Zürcher Philosophie-Festival.

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Haben Sie heute schon philosophiert? Falls ja, worüber?
Ja, beim Frühstück: Weshalb hab ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich das harte Brot weg­werfe und mir vom frischen Brot nehme? Weil es viele Menschen gibt, die hungern? Die werden mein altes Brot aber nicht essen. Oder hat das etwas mit Sorgfalt zu tun, mit Erziehung, mit Nachhaltigkeit? Und schon sind wir mitten in der Philosophie.

Unter der Dusche, beim Joggen oder im Tram: Welche Alltagssituation eignet sich fürs Philosophieren?
Schlange stehen: Welche Dinge werden zurecht nach dem Prin­zip «first come, first serve» ver­teilt – und bei welchen fänden wir das unethisch? Oder in der Mensa: Darf man sich noch beim Fleisch bedienen? Das Leben steckt voller philosophischer Fragen.

Das grösste Vorurteil gegen-über der Philosophie?
Philosophie sei nur etwas für die ganz Klugen. Philosophie sei weltfremd. Und Philosophie springe in die Bresche, wenn die Religion wegen der zunehmenden Säkularisierung nicht mehr trage. Stimmt alles nicht. Philosophie ist zum Beispiel keine Ersatz ­religion. Sie stellt meist viel mehr in Frage, als dass sie Antworten gibt und Trost spendet.

Sie nehmen am Zürcher Philosophie-Festival teil. Braucht Philosophie ein Festival?
Nein, Philosophie «braucht» kein Festival. Aber sie hat eines verdient. Ich fahre jedes Jahr an die «phil.Cologne», dem gröss­ten Philosophie­-Festival im deutschsprachigen Raum, das in Köln stattfindet. Und treffe da immer auf ein begeistertes, bunt gemischtes Publikum. Ich habe mich immer gefragt, warum sich Zürich sowas nicht leistet. Jetzt ist es so weit.

Das Festival-Motto lautet «Vom Turm zur Tat». Verkommt Philosophie so nicht  zu einer Ratgeber- Disziplin?
Erstens darf Philosophie auch raten – Philosophie als Lebens­kunst hat eine lange Tradition, angefangen bei Sokrates über Seneca bis zu Montaigne und dem späten Wittgenstein. Zweitens wagt sich auch die  akademische Philosophie  immer wieder mitten in die  Gesellschaft.

Am Philosophie-Festival mode rieren Sie die Podiumsdiskussionen «Mein letztes Hemd hergeben? Expedition zur Grenze des Gutmenschentums». Sind Sie ein «Gutmensch»?
Ich hoffe, ich bin ein guter Mensch. Moralisch anständig zu leben, andere Menschen zu res­pektieren und meinen ethischen Überzeugungen Folge zu leisten, ist mir wichtig. Ob ich damit das bin, was ein «Gutmensch» sein soll, weiss ich nicht. Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen. 

Sie sind nicht die einzige: «Gutmensch» wurde 2015 zum Unwort des Jahres erkoren.
Vielleicht ist mit «Gutmensch» der Moralist gemeint, der alles und jedes durch die Moralbrille betrachtet? Das ist mir zu lust­feindlich. Man darf auch mal über die Stränge schlagen. Aller­dings haben wir zurzeit eher das umgekehrte Problem: Zu viele Menschen rechtfertigen ihr Desinteresse daran, wie sich ihr Verhalten auf andere auswirkt, mit der Bemerkung: «Man wird doch wohl noch dürfen».

Das Gefühl der Empörung ist zurzeit, so scheint es, äusserst populär. Empörung als Ventil der «Gutmenschen»?
Empörung scheint tatsächlich weit verbreitet. Gegenüber früher ist sie vermutlich aber nicht grösser geworden; in vie­len Bereichen sind wir ja heute eher entspannter. Denken wir an Kleidervorschiften vor hundert Jahren oder an die Bewertung homosexueller Liebe. Verändert hat sich eher die Ausdrucksform: Dank des Internets und der sozi­alen Medien kann jeder jederzeit seiner Empörung Luft machen. Der «Freak Out» ist der neue «Burn Out»: Die Leute brüllen rum und pöbeln im Netz, wenn sie erschöpft sind und keine Distanz mehr zu ihren negativen Emotionen finden.

Apropos Gefühle: Spenden Wohlhabende aus einem Gefühl der Schuld?
Das müssten sie einen Psycholo­gen fragen. Philosophisch inter­essant ist eher, ob Gefühle wie ein schlechtes Gewissen ge­rechtfertigt sind. Weisen sie uns darauf hin, dass wir etwas von unserem Wohlstand abgeben müssten? Oder gibt es für das schlechte Gewissen gar keine ra­tionale Grundlage? Philosophen prüfen Bauchgefühle kritisch.

Gutes tun, aber nicht umsonst: Altruistisches Handeln ist oft nutzen-gesteuert. Ist das verwerflich?
Nein, natürlich nicht. Imma­nuel Kant hatte zwar diese Idee, dass das wirklich Gute allein aus  gutem Willen getan wird. Aber wir alle wissen: Einander helfen ist sinnstiftend, und das ist doch schön! Allerdings ist das moralische Faultier in uns dominant. Dann hilft ein biss­chen Kantisches Pflichtgefühl durchaus. 

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ICH denke (an mich) – also bin ICH.

Mitdisputieren, nachfragen oder zuhören – die Philosophie kennt keine Berührungsängste. Im neuen Kulturhaus KOSMOS rückt das erste Zürcher Philosophie Festival vom 18. bis 20. Januar 2018 das menschliche Ego ins Rampenlicht: Mit Nahrung für Geist und Körper, brandaktuellen Themen und namhaften Gästen.

Weitere Infos zum Festival und zum Programm: Zürcher Philosophie Festival